Keine Perlen für die Armen

Vor einigen Tagen war ich in Hamburg. Es hat mir gut gefallen.

Ich habe gelesen, dass Hamburg einer der wichtigsten Umschlagplätze für den Waffen-handel im 30jährigen Krieg war. Ich wollte es einmal selbst besuchen, auch wenn mit klar ist, dass nach dem Feuersturm von 1943 nichts mehr erhalten ist und dass der Spaziergang durch eine Kulisse führt, die eher durch Neubau entstanden ist als durch die Abnutzung im Laufe der Geschichte.

Das heutige Hamburg ist eine schöne Stadt. Wer aus unserem räudigen Berlin kommt, ist davon beeindruckt, wie selbstbewusst und gut gelaunt die Menschenströme durch die Straßen fließen. Das Wasser glänzt, der Wind riecht nach dem Meer. Der Buchladen hält mich mit gefährlichen Regalen und breiten Sesseln mehr als ein Stunde fest. In irgend-einem Geschäft bleibt man in einem Dialog hängen und das indische Restaurant bereitet für späte, nächtliche Gäste einen speziellen Palak Paneer zu, an den ich noch lange den-ken werde. Ich durfte mit dem Besitzer und seinem Sohn zusammen essen. Es war ein echtes Geschenk. Anders als in Berlin, weicht man nicht dem Blick aus und fürchtet sich nicht, Kontakt aufzunehmen, als hätte man in Hamburg weniger Angst vor allem.

Aber auch in Hamburg regieren die Dinge, oder gerade in Hamburg, vielleicht gerade dadurch, dass sie scheinbar im Übermaß zur Verfügung stehen. Selbst die bunten Bezir-ke, in denen die Menschen aus der ganzen Welt kommen, wirken weniger abgehärmt als unser Wedding. Hamburg ist reich. Ich bin nicht bettelarm, aber mit Sicherheit nicht wohlhabend im Sinne einer bürgerlichen Existenz. In Berlin kommt man damit durch. In Hamburg führt es dazu, dass es nach dem Theaterbesuch schwierig wird, ein Taxi zu finden. Meine schwarze Kutte und mein schwarzer Rucksack haben schon einiges erlebt. Die Fahrer nähern sich, bremsen ab. Kurz bevor sie stehen bleiben, wird wieder be-schleunigt. Das ist zweimal passiert und ich hätte auf diese Erfahrung auch gern verzichtet.

Inzwischen gibt es dieses Tendenz natürlich auch in Berlin, auch wenn es mich immer  sehr befremdet und ich manchmal glaube, dass ich als Eingeborene ein Recht darauf habe, dass die Stadt, die ich kenne, speziell für mich wieder aufersteht. Es gibt in Mitte ein Perlengeschäft, dass bereits in den Neunzigern wunderbaren Kitsch im Angebot hatte und eine Quelle vielfacher Freude war. Es gehörte zu meinem Berlin. Vor einigen Tagen war ich mit meinem Enkelsohn dort, um Perlen für ein Weihnachtsgeschenk für Mama/Tochter zu kaufen. Wir wollten ihr etwas Einmaliges schenken, etwas, dass es auf keiner Website gibt. Ein Exemplar der Dinge, das mehr als ein Ding ist.

Vielleicht hatten wir an diesem speziellen Tag ganz einfach kein Glück. Hinter dem Tre-sen bastelte eine rosa gefärbte Porzellanjungfrau an einem Ohrring, aber eigentlich folg-te sie uns mit den Augen einer misstrauischen Elster und registrierte jede Bewegung. Sie hätte das einfacher haben können, wenn sie uns beraten hätte. Aber das fiel ihr nicht ein. Ihre Welt der Dinge und unsere passten nicht zusammen. Auch wenn wir ganz offensichtlich Kunden waren, die gerade einen größeren Einkauf  tätigten, wurde sie keineswegs freundlicher. Schließlich riss ihr die Geduld und sie erwähnte sie die Preise: „Die stehen über den Perlen, falls sie es nicht gesehen haben.“

Ich muss ehrlich sagen, dass ich zu feige war, einen großen Auftritt hinzulegen. Schuld daran war Luki, dein Urenkel, den du so sehr mochtest. Es hatte eine Weile gedauert, bis er sich auf das Perlenwunder einlassen konnte. Zu Hause bei Papa spielt er vor allem mit Messern. Ich wollte ihn nicht vorzeitig wieder aus der Märchenwelt herauswerfen. Sonst hätte ich nichts gekauft. Ich hätte ihr den vollen Korb auf den Ladentisch geknallt und die Tür zugeschmissen. In meiner Straße gibt es einen Videoladen. Dort wird der abgeris-sene Mann von der Straße mit dem gleichen Respekt bedient wie die gutgekleidete Be-sucherin. Charakterisieren die Dinge einen Menschen? Gibt es da eine Ordnung mit festen Plätzen von der Unterwelt bis zum siebenten Himmel? Wir sprechen doch keineswegs, von Gegenständen mit einer persönlichen Geschichte. Wir sprechen auch nicht von einer Art besonderer Kreativität. Wir sprechen von Konsum und Kaufkraft. Sind das Signaturen für unseren Platz im Universum?

Frank Trentmann hat ein umfangreiches Buch über die Geschichte des Konsums geschrieben. Gerade ist es erschienen.

https://www.randomhouse.de/Buch/Herrschaft-der-Dinge/Frank-Trentmann/DVA-Sachbuch/e226116.rhd

http://www.deutschlandfunkkultur.de/frank-trentmann-herrschaft-der-dinge-konsum-als-triebfeder.1270.de.html?dram:article_id=389297

Es ist ein Buch über die Beziehungen zwischen den Menschen und ihren Dingen. Es ist keine Geschichte der Erschaffung der Dinge oder der Wanderung von Gegenständen oder der symbolischen Aufladung von eigentlich trivialen Objekten – es ist die Ge-schichte von Konsumobjekten und Konsumenten. Das, was wir erlebt haben, der soge-nannte Sozialismus, erhält in diesem Kontext selbstverständlich die Markierung des Defizits, der Unzulänglichkeit. Das entsprechende Kapitel wirkt durch seine holz-schnitthafte Gestaltung wie ein Fremdkörper in dem sonst ausgesprochen gescheiten Buch. Wie in jeder anderen Trivialerzählung vom „Zusammenbruch des Kommunismus“ wird die Abwesenheit von Selbstbestimmung durch Konsum mit einer Genauigkeit beschrieben wie eine Krankheit, vor der wir uns glücklicherweise nicht mehr fürchten müssen. Die Pest gilt gegenwärtig als überwunden (was möglicherweise auch nicht mehr als eine trügerische Hoffnung ist). Was aber wird passieren, wenn es mit den Ressourcen vorbei ist?

Ist die Kraft, zu konsumieren, tatsächlich ein Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaftsordnung? Gibt es irgendeine Form von Kreativität, die sich im Konsumieren äußert? War es das, was uns gefehlt hat, weshalb wir das Ganze abgelehnt haben bis zum Abscheu? Hätte der Prager Frühling daran wirklich etwas geändert? Ich habe keine Ahnung. Ich war jung, und habe natürlich darunter gelitten, dass es so viele Dinge nicht gab. Ich habe in Ungarn Pfirsiche gefressen, dass es nicht mehr anständig war. Ich habe in Bulgarien auf einem Melonenfeld geschlafen und gedacht, ich wäre im Himmel. Ich habe in Polen kiloweise Holzketten angeschafft, für vier weitere Hippieleben im Osten. Aber war das wirklich Leiden?

Es gibt in meiner Erinnerung ein Paradox. Als ich 1985 endlich im Westen angekommen war, gab es einen Winter lang Mäntel aus rosarotem Plüsch. Als der Winter anfing, trugen einige Frauen solche Mäntel. Dann kam der Schlussverkauf. Plötzlich saßen in einem einzigen U-Bahnwagen acht sehr unterschiedliche Personen – alle mit dem gleichen Mantel. Gleich drei meiner Freundinnen kauften sich einen rosaroten Plüschpelz. Ich hatte Rosinen im Kopf. Ich dachte, wenn ich den Westen erreiche, wo es alles gibt, möchte ich einen Anzug aus grünem Samt. Keine Chance. So etwas gab es in keinem Katalog. Das hätte man wie im Osten selber machen müssen. Und das wäre lächerlich gewesen. In der freien Welt habe ich lieber in der Bibliothek gesessen und all die Bücher gelesen, die es vorher nicht gab. Für den grünen Samtanzug war ich ganz einfach zu arm. Exzentrische Wünsche sind ein Privileg des Wohlstands.

Macht die Rechte die Linke dumm?

Ich habe wesentlich weniger Mut als Carl von Ossietzky

Manchmal ist es verwunderlich, wie sich Dinge nebeneinander entwickeln können, die nicht zusammenpassen und sich eigentlich sogar gegenseitig aufheben. Ich denke, dass du gegenwärtig eine interessante Zeit hättest. Das System funktioniert nicht gut und wir machen uns große Sorgen. Das Land hat keine Regierung. Vielleicht werden wir eine Minderheitsregierung haben, ein Zustand den ich bisher überhaupt noch nicht kenne. Auch wenn es in anderen Ländern normal ist. Und die Gesellschaft ist zerrissen. Ich bekomme von Freunden Links geschickt, wo ich mich frage, ob ich mit diesen Personen jemals wieder Kaffee trinken möchte. Es gibt mit den Reichsbürgern eine Strömung, die nicht einmal den Führerschein der Bundesrepublik akzeptiert und dafür gern auch im Gefängnis einsitzt. Du hast immer gesagt, dass du noch erleben möchtest, wie das Ganze kippt. Ich habe mich genau davor immer gefürchtet. Der Vater ein Revolutionär, die Tochter konservativ.

Aber auch das sind Klischees. Du hast Sarrazin gelesen, ich verachte diese Gedankenwelt und hätte niemals Geld für so ein Buch hingelegt. Inzwischen sind die Verhältnisse einigermaßen geklärt. Wer sich für links hält, geht dauerhaft auf Abstand. Wo würdest du heute stehen? Die Rechten möchten wieder stolz auf ihre Geschichte sein, dabei sind sie nicht wählerisch und orientieren sich nicht gerade an Carl von Ossietzky. Es gibt immer noch Querelen um ein Mahnmal für die ermordeten Deserteure, aber unter den Rechten darf man wieder darüber nachdenken, was an der Waffen-SS großartig war. Einige meiner serbischen Freunde waren Deserteure. Sie brauchen gerade in der letzten Zeit wieder Mut, sich offen dazu zu bekennen. Sie waren nicht dabei, als Vukovar zusammengeschossen wurde. Wusste die Waffen-SS davon, wie in Auschwitz gemordet wurde? Haben anonyme Außerirdische die Frauen und Kinder er­schos­sen, die in Merkine hinter meinem Haus im Massengrab beerdigt wurden?

Was würdest du heute sagen, nachdem du am Morgen die Zeitung gelesen hättest? Vor einigen Tagen habe ich den Film „Die Grauzone“ noch einmal gesehen. Ich habe überlegt, ob ich ihn in mein Erinnerungsseminar im kommenden Semester mit hineinnehme. Ich weiß es immer noch nicht. Ich schlafe schlecht, seit ich ihn wieder gesehen habe. Es verfolgt mich ununterbrochen. Damals waren wir zusammen im Kino. Das gehört zu den wenigen Momenten, wo du über deine Erlebnisse in Łódź gesprochen hast. Du hast von deinem Besuchen im Ghetto berichtet. Ich hätte so unendlich viele Fragen. Damals habe ich nicht gewagt, an Einzelheiten festzuhalten. Deine Tränen haben mich paralysiert. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als dorthin zu fahren. Aber ich fahre in eine leere Stadt: keine Spur von unserer Familie, keine Spur von den unzähligen Opfern der Morde.

Würdest du es wagen, uns heute etwas für unsere Zukunft vorauszusagen? Hattest du eine Idee davon, was nach dem allumfassenden Chaos einer erneuten Revolution folgen könnte? Hast du etwas anderes gesehen, als Wissensvernichtung, Schändung von Bibliotheken, Menschenopfer für eine Zukunft ohne Krieg und Unterdrückung, Verbrechen und Verbrecher, die nur der Verbesserung der schlechten Welt verpflichtet waren? Mir graut vor der Notwendigkeit, die Dinge entlang klarer Linien zu ordnen. Macht uns der zunehmende Druck von Rechts am Ende dumm? Gestern war ich zu einem Vortrag. Es ging um historische Narrative und kollektive Identität. Der Referent sprach vom Mythos der indogermanischen Sprachentwicklung. Ist das ein Mythos? Ich denke, man muss den Namen ändern, und niemand benutzt diesen Namen, er hat sich überlebt. Aber gibt es wirklich keine indoeuropäische Sprachfamilie, weil die Rechte Anschluss an die Großmachtsträume des imperialistischen 19. Jahrhunderts sucht? Hatte Roman Jakobson da ganz einfach ein Rad ab?

Du weißt, dass ich Geschichten über Germanen schreibe. Das Wort ist falsch, es ist eine Fremdbe­zeichnung. Aber in einer Erzählung kann man seine Protagonisten schlecht „Vertreterinnen der Hallstatt-Kultur“ nennen oder „Produzenten von Bandkeramik“. Ich interessiere mich für Odin und Freya und lese in der Edda. Ich besitze sogar Runensteine und spiele damit herum. Bin ich dadurch kontaminiert? Darf sich ein Teil der Gesellschaft eines Autors wie Snorri Sturluson bemächtigen? Ist das entsprechende Wissen dann für alle anderen verloren? Gestern Abend gab es eine mehr oder weniger direkte Linie von den indoeuropäischen Sprachfamilien zu verbrecherischem Völkerhass und den Morden in Auschwitz. Etwa einhundert Angehörige der intellektuellen Oberschicht (neosprech: Elite) saßen andächtig auf den Stühlen und waren einer Meinung. Und mir fehlte die Luft zum Atmen. Ich bin nicht aufgestanden und habe mich nicht dazu bekannt, dass ich von den Runen fasziniert bin, und ich habe auch nicht dagegen protestiert, dass die große litauische Ethnografin Marija Gimbutas als Neoheidin bezeichnet wurde. Ich habe zu lange gebraucht. Als ich endlich bereit war, wurde die Veranstaltung gerade einvernehmlich beendet.

In der U-Bahn las ich meine Post: „Nordmänner“ hatten mir geschrieben, pathetischen Mist über Brudertreue und die Stimme des Blutes. Daran ist mein Hobby schuld, Geschichten über das vorchristliche Glaubenssystem vor der Ankunft der Römer. Meine eigenen Brüder sind treulos. Bruderliebe ist für mich das Gegenteil von frei bestimmter Wahl. Ich will kein salbungsvolle Stimme aus meinem Handy, die mir sagt, was gut und was schlecht ist.

Vater, ich habe Angst. Schon frage ich mich, ob man in so einem Blog tatsächlich noch schreiben darf, was man denkt. Ich verstecke mich im dichten Gebüsch der Anonymität, weil ich unbekannt bin und vermutlich nur sehr wenige Menschen meine Texte lesen. Aber wie soll das weitergehen?

Gestern war ich in Pankow. Ich habe deinen Stein besucht und ein wenig mit dir geredet. Dort liegt auch Carl von Ossietzky. Ich verneige mich jedes Mal innerlich, wenn ich an seinem Grab vorübergehe. Ich habe so viel Respekt. Aber ich möchte niemals auf diese Weise enden.

Ich möchte alt werden, mit meinen Enkelsöhnen programmieren üben, meine Katze im Keller suchen. Ich möchte ein ganz normales Leben. Aber inzwischen frage ich mich mit Blick nach vorn und nach hinten, ob man diese privaten Friedensträume überhaupt als normal ansehen kann oder ob man fürchten muss, dass sie ein kurzfristiges Geschenk sind, das man uns demnächst wieder entreißt. Die Eltern der syrischen Studierenden, die in unseren Kursen Deutsch lernen, haben bestimmt die gleichen Träume gehabt wie ich.

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Briefe an meinen toten Vater

Angst vor der Polizei

Natürlich ist es nicht neu, dass die Gefühle gegenüber der Polizei ambivalent sind. Für eine deutlich positive Einstellung gegenüber der Polizei habe ich zu lange in der DDR gelebt. Das wurde nicht besser, als es im Zuge der Studentenstreiks Ende der 90er zu Konfrontationen kam, bei denen das Kriterium der Angemessenheit definitiv verloren ging. Aber es gibt auch weniger zweideutige Erinnerungen: Als junge Krankenpflegerin fuhr mich die (Ostberliner) Polizei mit dem Streifen­wagen nach Hause, als ich nach einem überlangen Dienst (Lebertransplantation in der Charite, weit entfernt vom heutigen Stand der Dinge) zusammenbrach und mich über die schlechte Prognose für die Patientin einfach nicht beruhigen konnte.

Damals trank ich auf dem Rücksitz den privaten Pfefferminztee eines uniformierten Polizisten. Und später arbeitete ich Spandau mit sehr kompetenten Ausbilderinnen und Ausbildern zusammen, als chinesische PolizistInnen zum Erfahrungsaustausch nach Berlin kamen. In dieser Zeit war ich als Deutschlehrerin regelmäßig auf dem Gelände der Polizei. Ich habe noch immer das Gefühl, dass ich damals über meinen Schatten gesprungen bin, aber es hat sich gelohnt. Die Wahrnehmungs­schab­lone hat ein paar Farben aufgenommen, die über das Inventar von Schwarz und Weiß hinausgehen.

Gestern erlitt ich einen schweren Rückfall. Das Katz- und Mausspiel aus meiner Jugendzeit im Osten holte mich wieder ein. Dieses Spiel ist mir zuwider, insbesondere meine Rolle als Maus. An diesem Morgen hatte ich ein gutes Gespräch. Ich möchte nach Indien gehen. Aus Bangalore war zu hören, dass meine Qualifikation OK sei und man froh wäre, wenn ich demnächst mitarbeiten könnte. Es war einer der ersten Frühlingstage. Ich beschloss, mit dem Fahrrad in die Uni zu fahren, der guten Laune nachzugeben, mich über das Licht zu freuen. Das war ein Fehler. Ein Polizeibus schob sich zwischen die Sonne und meine Person auf meinem alten Fahrrad.

Mit Körperschutz ausgerüstete Polizisten stiegen sprangen auf die Straße und schlagartig wurde aus mir ein Opfer. Ein Opfer auf dem Weg zur Arbeit. Es gibt da so ein Ungleichgewicht: Mein hässli­ches, altes Fahrrad, meine Nervosität wegen einer neuen Gruppe von Studierenden, die ich noch nicht kannte, die komplette Auflösung von jeder Spur von guter Laune. Polizisten tragen Schlag­stöcke, Handschellen, Handschuhe (impliziert bei mir den unguten Gedanken, ich sei schmutzig) und noch einige Dinge, deren Funktion mir unbekannt ist. Ich trage nichts. Ich zahle die Steuern, mit denen die Polizei finanziert wird. Wozu? Um Lehrerinnen auf der Straße zu erschrecken?

Was war eigentlich passiert? Es gibt eine Ampel in der Liebknecht Straße, der ist ein Fußgänger­übergang vorgelagert. Dort existiert eine separate Fahrradampel. Die eigentliche Ampel kommt etwa sechs Meter später. Ich bin abgestiegen. Habe gewartet, bis alle Fußgänger vorbei waren. Dann bin ich vorgerollt. Ein Verstoß, OK. Wenn man das beobachtet, machen das alle. Der Grund ist ein­fach: Als Radfahrerin wirst du von den abbiegenden Autos geschnitten, wenn du nicht rechtzeitig da vorne ankommst. Die ganze Strecke bis zum Brandenburger Tor ist gegenwärtig eine lebensge­fähr­liche Aufgabe, und es gibt auch nicht wirklich eine Alternative. Wo ist der Radweg, auf dem ich sicher durch diesen Teil der Stadt hindurchfahre?

Wer einen Verstoß begeht, entschuldigt sich. Es kann passieren, dass man zahlen muss. Bei Wieder­holung ohnehin. Aber zum Anerkennen des Fehlers benötigt man einen Gesprächspartner. Wenn der nicht vorhanden ist, gibt es auch kein Gespräch, ehrlich gesagt auch keine Einsicht. Worin besteht der Unterschied zwischen einem Algorithmus und einer lebendigen Person? Eine Person hat einen Gesichtsausdruck, verfügt über die Fähigkeit, in Kontakt zu gehen, kann das Verfahren und die Handlungsweise spontan an die Situation anpassen. Und was ist mir da passiert? Ich bin wirklich nicht sicher. Ich weiß nur, dass mich eine alte, längst vergessene Panik wieder einholt.