Macht die Rechte die Linke dumm?

Ich habe wesentlich weniger Mut als Carl von Ossietzky

Manchmal ist es verwunderlich, wie sich Dinge nebeneinander entwickeln können, die nicht zusammenpassen und sich eigentlich sogar gegenseitig aufheben. Ich denke, dass du gegenwärtig eine interessante Zeit hättest. Das System funktioniert nicht gut und wir machen uns große Sorgen. Das Land hat keine Regierung. Vielleicht werden wir eine Minderheitsregierung haben, ein Zustand den ich bisher überhaupt noch nicht kenne. Auch wenn es in anderen Ländern normal ist. Und die Gesellschaft ist zerrissen. Ich bekomme von Freunden Links geschickt, wo ich mich frage, ob ich mit diesen Personen jemals wieder Kaffee trinken möchte. Es gibt mit den Reichsbürgern eine Strömung, die nicht einmal den Führerschein der Bundesrepublik akzeptiert und dafür gern auch im Gefängnis einsitzt. Du hast immer gesagt, dass du noch erleben möchtest, wie das Ganze kippt. Ich habe mich genau davor immer gefürchtet. Der Vater ein Revolutionär, die Tochter konservativ.

Aber auch das sind Klischees. Du hast Sarrazin gelesen, ich verachte diese Gedankenwelt und hätte niemals Geld für so ein Buch hingelegt. Inzwischen sind die Verhältnisse einigermaßen geklärt. Wer sich für links hält, geht dauerhaft auf Abstand. Wo würdest du heute stehen? Die Rechten möchten wieder stolz auf ihre Geschichte sein, dabei sind sie nicht wählerisch und orientieren sich nicht gerade an Carl von Ossietzky. Es gibt immer noch Querelen um ein Mahnmal für die ermordeten Deserteure, aber unter den Rechten darf man wieder darüber nachdenken, was an der Waffen-SS großartig war. Einige meiner serbischen Freunde waren Deserteure. Sie brauchen gerade in der letzten Zeit wieder Mut, sich offen dazu zu bekennen. Sie waren nicht dabei, als Vukovar zusammengeschossen wurde. Wusste die Waffen-SS davon, wie in Auschwitz gemordet wurde? Haben anonyme Außerirdische die Frauen und Kinder er­schos­sen, die in Merkine hinter meinem Haus im Massengrab beerdigt wurden?

Was würdest du heute sagen, nachdem du am Morgen die Zeitung gelesen hättest? Vor einigen Tagen habe ich den Film „Die Grauzone“ noch einmal gesehen. Ich habe überlegt, ob ich ihn in mein Erinnerungsseminar im kommenden Semester mit hineinnehme. Ich weiß es immer noch nicht. Ich schlafe schlecht, seit ich ihn wieder gesehen habe. Es verfolgt mich ununterbrochen. Damals waren wir zusammen im Kino. Das gehört zu den wenigen Momenten, wo du über deine Erlebnisse in Łódź gesprochen hast. Du hast von deinem Besuchen im Ghetto berichtet. Ich hätte so unendlich viele Fragen. Damals habe ich nicht gewagt, an Einzelheiten festzuhalten. Deine Tränen haben mich paralysiert. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als dorthin zu fahren. Aber ich fahre in eine leere Stadt: keine Spur von unserer Familie, keine Spur von den unzähligen Opfern der Morde.

Würdest du es wagen, uns heute etwas für unsere Zukunft vorauszusagen? Hattest du eine Idee davon, was nach dem allumfassenden Chaos einer erneuten Revolution folgen könnte? Hast du etwas anderes gesehen, als Wissensvernichtung, Schändung von Bibliotheken, Menschenopfer für eine Zukunft ohne Krieg und Unterdrückung, Verbrechen und Verbrecher, die nur der Verbesserung der schlechten Welt verpflichtet waren? Mir graut vor der Notwendigkeit, die Dinge entlang klarer Linien zu ordnen. Macht uns der zunehmende Druck von Rechts am Ende dumm? Gestern war ich zu einem Vortrag. Es ging um historische Narrative und kollektive Identität. Der Referent sprach vom Mythos der indogermanischen Sprachentwicklung. Ist das ein Mythos? Ich denke, man muss den Namen ändern, und niemand benutzt diesen Namen, er hat sich überlebt. Aber gibt es wirklich keine indoeuropäische Sprachfamilie, weil die Rechte Anschluss an die Großmachtsträume des imperialistischen 19. Jahrhunderts sucht? Hatte Roman Jakobson da ganz einfach ein Rad ab?

Du weißt, dass ich Geschichten über Germanen schreibe. Das Wort ist falsch, es ist eine Fremdbe­zeichnung. Aber in einer Erzählung kann man seine Protagonisten schlecht „Vertreterinnen der Hallstatt-Kultur“ nennen oder „Produzenten von Bandkeramik“. Ich interessiere mich für Odin und Freya und lese in der Edda. Ich besitze sogar Runensteine und spiele damit herum. Bin ich dadurch kontaminiert? Darf sich ein Teil der Gesellschaft eines Autors wie Snorri Sturluson bemächtigen? Ist das entsprechende Wissen dann für alle anderen verloren? Gestern Abend gab es eine mehr oder weniger direkte Linie von den indoeuropäischen Sprachfamilien zu verbrecherischem Völkerhass und den Morden in Auschwitz. Etwa einhundert Angehörige der intellektuellen Oberschicht (neosprech: Elite) saßen andächtig auf den Stühlen und waren einer Meinung. Und mir fehlte die Luft zum Atmen. Ich bin nicht aufgestanden und habe mich nicht dazu bekannt, dass ich von den Runen fasziniert bin, und ich habe auch nicht dagegen protestiert, dass die große litauische Ethnografin Marija Gimbutas als Neoheidin bezeichnet wurde. Ich habe zu lange gebraucht. Als ich endlich bereit war, wurde die Veranstaltung gerade einvernehmlich beendet.

In der U-Bahn las ich meine Post: „Nordmänner“ hatten mir geschrieben, pathetischen Mist über Brudertreue und die Stimme des Blutes. Daran ist mein Hobby schuld, Geschichten über das vorchristliche Glaubenssystem vor der Ankunft der Römer. Meine eigenen Brüder sind treulos. Bruderliebe ist für mich das Gegenteil von frei bestimmter Wahl. Ich will kein salbungsvolle Stimme aus meinem Handy, die mir sagt, was gut und was schlecht ist.

Vater, ich habe Angst. Schon frage ich mich, ob man in so einem Blog tatsächlich noch schreiben darf, was man denkt. Ich verstecke mich im dichten Gebüsch der Anonymität, weil ich unbekannt bin und vermutlich nur sehr wenige Menschen meine Texte lesen. Aber wie soll das weitergehen?

Gestern war ich in Pankow. Ich habe deinen Stein besucht und ein wenig mit dir geredet. Dort liegt auch Carl von Ossietzky. Ich verneige mich jedes Mal innerlich, wenn ich an seinem Grab vorübergehe. Ich habe so viel Respekt. Aber ich möchte niemals auf diese Weise enden.

Ich möchte alt werden, mit meinen Enkelsöhnen programmieren üben, meine Katze im Keller suchen. Ich möchte ein ganz normales Leben. Aber inzwischen frage ich mich mit Blick nach vorn und nach hinten, ob man diese privaten Friedensträume überhaupt als normal ansehen kann oder ob man fürchten muss, dass sie ein kurzfristiges Geschenk sind, das man uns demnächst wieder entreißt. Die Eltern der syrischen Studierenden, die in unseren Kursen Deutsch lernen, haben bestimmt die gleichen Träume gehabt wie ich.

http://www.textblog.berlin/

Werbeanzeigen

Briefe an meinen toten Vater

Angst vor der Polizei

Natürlich ist es nicht neu, dass die Gefühle gegenüber der Polizei ambivalent sind. Für eine deutlich positive Einstellung gegenüber der Polizei habe ich zu lange in der DDR gelebt. Das wurde nicht besser, als es im Zuge der Studentenstreiks Ende der 90er zu Konfrontationen kam, bei denen das Kriterium der Angemessenheit definitiv verloren ging. Aber es gibt auch weniger zweideutige Erinnerungen: Als junge Krankenpflegerin fuhr mich die (Ostberliner) Polizei mit dem Streifen­wagen nach Hause, als ich nach einem überlangen Dienst (Lebertransplantation in der Charite, weit entfernt vom heutigen Stand der Dinge) zusammenbrach und mich über die schlechte Prognose für die Patientin einfach nicht beruhigen konnte.

Damals trank ich auf dem Rücksitz den privaten Pfefferminztee eines uniformierten Polizisten. Und später arbeitete ich Spandau mit sehr kompetenten Ausbilderinnen und Ausbildern zusammen, als chinesische PolizistInnen zum Erfahrungsaustausch nach Berlin kamen. In dieser Zeit war ich als Deutschlehrerin regelmäßig auf dem Gelände der Polizei. Ich habe noch immer das Gefühl, dass ich damals über meinen Schatten gesprungen bin, aber es hat sich gelohnt. Die Wahrnehmungs­schab­lone hat ein paar Farben aufgenommen, die über das Inventar von Schwarz und Weiß hinausgehen.

Gestern erlitt ich einen schweren Rückfall. Das Katz- und Mausspiel aus meiner Jugendzeit im Osten holte mich wieder ein. Dieses Spiel ist mir zuwider, insbesondere meine Rolle als Maus. An diesem Morgen hatte ich ein gutes Gespräch. Ich möchte nach Indien gehen. Aus Bangalore war zu hören, dass meine Qualifikation OK sei und man froh wäre, wenn ich demnächst mitarbeiten könnte. Es war einer der ersten Frühlingstage. Ich beschloss, mit dem Fahrrad in die Uni zu fahren, der guten Laune nachzugeben, mich über das Licht zu freuen. Das war ein Fehler. Ein Polizeibus schob sich zwischen die Sonne und meine Person auf meinem alten Fahrrad.

Mit Körperschutz ausgerüstete Polizisten stiegen sprangen auf die Straße und schlagartig wurde aus mir ein Opfer. Ein Opfer auf dem Weg zur Arbeit. Es gibt da so ein Ungleichgewicht: Mein hässli­ches, altes Fahrrad, meine Nervosität wegen einer neuen Gruppe von Studierenden, die ich noch nicht kannte, die komplette Auflösung von jeder Spur von guter Laune. Polizisten tragen Schlag­stöcke, Handschellen, Handschuhe (impliziert bei mir den unguten Gedanken, ich sei schmutzig) und noch einige Dinge, deren Funktion mir unbekannt ist. Ich trage nichts. Ich zahle die Steuern, mit denen die Polizei finanziert wird. Wozu? Um Lehrerinnen auf der Straße zu erschrecken?

Was war eigentlich passiert? Es gibt eine Ampel in der Liebknecht Straße, der ist ein Fußgänger­übergang vorgelagert. Dort existiert eine separate Fahrradampel. Die eigentliche Ampel kommt etwa sechs Meter später. Ich bin abgestiegen. Habe gewartet, bis alle Fußgänger vorbei waren. Dann bin ich vorgerollt. Ein Verstoß, OK. Wenn man das beobachtet, machen das alle. Der Grund ist ein­fach: Als Radfahrerin wirst du von den abbiegenden Autos geschnitten, wenn du nicht rechtzeitig da vorne ankommst. Die ganze Strecke bis zum Brandenburger Tor ist gegenwärtig eine lebensge­fähr­liche Aufgabe, und es gibt auch nicht wirklich eine Alternative. Wo ist der Radweg, auf dem ich sicher durch diesen Teil der Stadt hindurchfahre?

Wer einen Verstoß begeht, entschuldigt sich. Es kann passieren, dass man zahlen muss. Bei Wieder­holung ohnehin. Aber zum Anerkennen des Fehlers benötigt man einen Gesprächspartner. Wenn der nicht vorhanden ist, gibt es auch kein Gespräch, ehrlich gesagt auch keine Einsicht. Worin besteht der Unterschied zwischen einem Algorithmus und einer lebendigen Person? Eine Person hat einen Gesichtsausdruck, verfügt über die Fähigkeit, in Kontakt zu gehen, kann das Verfahren und die Handlungsweise spontan an die Situation anpassen. Und was ist mir da passiert? Ich bin wirklich nicht sicher. Ich weiß nur, dass mich eine alte, längst vergessene Panik wieder einholt.