Die oder Wir: Wenn du fremd bist, verlieren wir die Erinnerung an dein Gesicht

Erinnerungsinstallation neben der Müllhalde von Irkutsk

http://музейнасвалке.рф/

Schnee ist gefallen. Der Winter in Sibirien währt nicht ewig, irgendwann fängt er an. Es ist bitterkalt, niemand ist daran gewöhnt. Der Sommer war heiß, lang und voller Farben. Damit ist es jetzt vorbei. Über der Müllhalde von Irkutsk kreisen die Krähenschwärme, man sieht sie weit entfernt nur noch als schwarze Punkte. Der Müllberg ist riesig. Es soll der drittgrößte in der Russischen Föderation sein. Man hat ihn mit einem Palisadenzaun umgeben, mit Blechrittern bestückt, angeblich aus recyceltem Metall. Das Ganze erinnert an den Vorstoß der Kosaken, als sie im 17. Jahrhunder die sibirischen Stämme unterwarfen und damit begannen, den Zobel als Zahlungsmittel für die Steuer zu etablieren. Der Zar brauchte Geld für seine Kriege. Der Zobel ist selten geworden und die sibirischen Sprachen werden immer weniger gesprochen.

Das passende Stichwort liegt auf der Hand: Kolonialismus, verbunden mit Kulturvernichtung und Zerstörung der Lebensgrundlage der indigenen Nationen. Die drittgrößte Müllhalde Russlands hier in Ostsibirien passt sehr gut in dieses Bild. Die Ausgestaltung an diesem Ort ist jedoch in extremer Weise befremdend. Ich habe nicht oft Installationen gesehen, die derart schockierend Erinnerungsbestände umorganisieren und miteinander verschmelzen, sodass am Ende das Gegenteil von dem, was tatsächlich der Fall ist, das Gewicht von Glaubhaftigkeit und Wahrheit erhält.

Am besten, man beginnt mit den Bären. Die Betreiber der Müllhalde verdienen mit ihrem Müllberg erhebliche Summen. Einen Teil davon wenden sie offensichtlich dafür auf, kreative Erinnerungsarbeit zu leisten. Die Rettung von Objekten und Material gehört zu diesem Projekt. Irgendwann hat irgendjemand zwei junge Bären in die Hände bekommen, und als er sie nicht mehr brauchte, plante er die Entsorgung. Die Müllhalde erwies sich für die Bären als Endstation. Jetzt leben sie in einem einigermaßen großen, liebevoll gestalteten Bärengehege zwischen dem Müllmuseum und der patriotisch verklärten Installation des Krieges. Als wir sie besuchten, hielten sie Winterschlaf. Sie heißen Mascha und Mischa, bekommen ihr Futter, haben wahrscheinlich keine Langeweile. Für die Taiga sind sie verloren. Dort würden sie verenden.

Das Müllmuseum hat mich beeindruckt. Ein riesige Halle ist mit tausenden Objekten befüllt, die vermutlich in mühevoller Suche aus dem Müll herausgefiltert wurden und auf langen Tischen, am Boden, an den Wänden aufgereiht ein polyphones Chorwerk der Gegenstände zur Aufführung bringen: Klaviere, Butterfässer, Rechenmaschinen, altes Spielzeug. Nähmaschinen, die sicher lange Reisen hinter sich hatten, als sie ihr letztes Ziel erreichten. Abba-Plakate bedeckten die Wand, zum Teil vergilbt, aber noch immer Symbol von Sorglosigkeit und zugleich von Fremdheit. Ein gepflegter Mops steht vor einer Reihe von ausrangierten Schaukelpferden und kläfft atemlos vor dieser Meute vermeindlicher Gegner oder Konkurrenten. Die Besucher sammeln sich und lachen. Die Besitzerin versucht das Tier abzulenken, aber der Hund rennt immer wieder zurück. Die Schaukelpferde riechen für ihn nach etwas Vertrautem. Etwas, das er kennt und verabscheut. Er kläfft, bis er erschöpft davongeschleppt wird.

Es gibt ein zweites Museum, dieses hat sogar eine Heizung. Dort zeigt das Müllunternehmen russische Uniformen und Kriegsfahnen, Christus als König vor den himmlischen Heerscharen und Stalin in aller Herrlichkeit. Jede Menge Waffen, ganz offensichtlich nicht aus dem Hausmüll. Die Versuchung ist groß. Es ist der einzige warme Raum, aber Überzeugung hat ihren Preis. Wir frieren uns lieber den Arsch ab, als hier irgendeine Form von Respekt zu zeigen. Die Frau, die das Ganze bewacht, hat kein Verständnis: Wir sollen doch bleiben, auf einen Tee, es ist kein Wetter für Heldenmut auf der Straße. Sie ist eine sympatische, freundliche Frau, und ich fühle mich deplaziert und lächerlich mit meinem Beharren auf meinem Pazifismus.

Draußen warten die Monster. In einem Computerspiel sind die Gegner normalerweise anonymisiert, Gesichter gibt es kaum. Wenn wir die „Ritter“ aus Blech sind, die Zivilisation nach Sibierien bringen, dann sind die Monster die Bewohner der Finsternis, die kulturfeindlichen Menschenfresser, denen man das Land entreißen muss, damit es überhaupt auch nur einen Namen erhält und Platz auf Landkarten findet. Sie haben grüne Haut, tragen Schädelketten, kochen zum Frühstück vermutlich christliche Ritter. Frauen fehlen überhaupt, die haben in dieser Welt keinen Platz. Es ist ein Universum aus tötungsbereiten, erwachsenen Mördern. Die eine Hälfte gehört zu uns, die andere Hälfte muss möglichst effektiv abgeschlachtet werden.

Man könnte an Science Fiction denken oder an Fantasy, aber ich denke an Herodot. Die Monster illustrieren sehr genau die Texte über den hohen Norden, die der griechische Historiker im fünften vorchristlichen Jahrhundert schrieb. Das war zierkulierendes, nicht schriftgebundenes Wissen während der Zeit der Renaissance. Es ist vermutlich in etwa der Horizont der Kosaken, als sie über die Flüsse fuhren und die einheimischen Siedlungen überfielen: Wohnorte von Menschenfressern, Kinder von Menschenfressern, Frauen von Menschenfressern, Wertgegenstände (Pelze) und Waffen von Menschenfressern. Wenn man sie heute ansieht und den Besuchern der Müllinstallation zeigt, dann erlebt man ein wohliges, allgemeines Schaudern. Gott sei Dank sind die weg. Wir bedanken uns bei den Kosaken.

Dann gibt es auch noch ein Schlachtfeld. Der Zweite Weltkrieg hat Irkutsk als Film heimgesucht. Die Kulisse wurde anschließend zurückgelassen und erstand als Erinnerungsort neben dem Müllberg wieder auf. Laufgräben, Unterstände, abgeschossene deutsche Panzer. Auf einem davon steht ein Familienvater mit seinen Söhnen und schreit aus vollem Hals: „Gib es ihm! Gib es ihm! Scharfschütze! Dort ist er, der Deutsche! Knall ihn ab! Ja! Noch einen!“ Mich reitet der Teufel. Ich bleibe stehen und sage, dass ich deutsch bin. Frage, ob sie jetzt schießen werden. Sie sind schockiert. Was will diese Tante in ihrem Mäntelchen, noch dazu mit so einem dämlichen Akzent. Es geht um Spaß. Um russischen Spaß. Dazu passt die Musik, die aus dem Lautsprecher plärrt: „Mein großes Russland, ich habe ein erfülltes Herz. Ich habe keine Angst, für dich zu sterben!“ Ich gehöre nicht dazu. Ich bin nicht russisch. Und keiner versteht, dass mir schlecht wird, wenn jemand zu mir sagt, „dass ich heute wie eine Russin aussehe“ und das als Kompliment meint. Ich stelle mir vor, dass ich zu meiner französischen Nachbarin in Berlin sage: „Toll, heute siehst du richtig deutsch aus.“ Gott sei Dank ginge das im besten Fall als schräger Witz. Es ist manchmal erleichternd, wenn man nicht überallhin ein Siegernarrativ mitschleppen muss.

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