Suche nach einem Ort für Jura Rjabinkin

Guten Tag Vater,

gestern war ich lange auf dem alten Friedhof von Irkutsk. Er wurde um 1900 eröffnet, damals lag er außerhalb der Stadt. Heute herrscht hier fast undurchdringliche Wildnis. Die Toten sind unter sich. Sind sie ortsgebunden? Ich hoffe nicht, denn es wäre ungerecht, dass die einen für kurze Zeit ein abgestecktes Quadrat bekämen, die anderen einen Anspruch auf Ewigkeit unter immer höher wachsenden Bäumen. Es wirkt auf mich wie die nachträgliche Vereinigung mit der Natur, wie ein Ankommen in einer universellen Form von Bestimmung. Gerade hier, wo der Umwelt vielleicht gerade wegen ihrer überwältigenden Präsenz so deutlich Gewalt angetan wird. Für mich als Person wäre das so etwas wie eine nachträgliche Versöhnung: das Rückversinken in die anorganische Welt der Mineralien, wenn es dann soweit ist. Ich hoffe, dass es dir gegeben ist, die Berliner Parzellenordnung weit hinter dir zu lassen, mit welchem Ziel auch immer. Auch hier in Irkutsk werden möglicherweise irgendwann die Bagger kommen, und das verwilderte Areal zu gestalten, um es erneut zu nutzen. Es gibt solche Diskussionen. Doch es herrscht eine gewisse Scham. Was auch immer man bauen würde, niemand wollte es haben. Die einzige Nebennutzung erfolgt durch die Trinker. Jetzt im Sommer sitzen sie tief im meterhohen Gras. Sie trinken, fluchen, erzählen. Und opfern den Toten gelegentlich eine Zigarette. Die liegt dann auf einem umgestürzten Grabstein, bis der Regen sie restlos auflöst.

Ich ringe um diesen Text, denn ich möchte mich selbst und diejenigen, die meinen Blog vielleicht lesen, an Jura Rjabinkin erinnern. Aber es stockt. Deshalb bin ich auch über die Friedhöfe von Irkutsk gelaufen. Über die Orte, an denen die Menschen nicht mehr fassbar sind: keine Gespräche, keine Berührung, keine Absolution. Es ist angemessen, zu heulen. Es ist angemessen, auf die Knie zu fallen, wie Willy Brandt. Während ich hier um die Worte kämpfe, fallen die meisten anderen Angelegenheiten zurück hinter eine Art von Schattenwand. Rechnungen, Projektanträge, Unstimmigkeit mit Freunden, der Zahnarzt. Es verliert die Dringlichkeit und jede Kontur. Und ich schreibe es hier, in diesen Briefen an meinen Vater, weil dies der Ort ist, wo es für meinen Kopf eine Brücke gibt in die Landschaft der ganz und gar unfassbaren Verwerfungen in dieser relativ kurzen Zeit, als meine Nation damit befasst war, die europäische Zivilisation zu zerstören. Es graut mir bis auf die Knochen: vor uns.

Jura Rjabinkin wurde 1925 geboren, wie du, im gleichen Jahr. Er lebte mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester in Leningrad. Er entwickelte Ehrgeiz in Algebra. Er war ein guter Spieler: Schach und härtere Spiele um Geld. Auch dies hätte euch verbunden. Wenn Jura gewann, konnte er sich nicht zwischen Stolz und Scham entscheiden. Er freute sich über seine Begabung, aber er schämte sich vor den Freunden, die seinetwegen verloren. Er verehrte Dumas. Mit sechzehn widersetzte er sich den Zukunftsplänen seiner Mutter und bewarb sich nicht bei der Seefahrtsschule, wie sie es für ihn wollte. Er schrieb ein Tagebuch, aber diesen Eigensinn erklärt er in keinem Eintrag. Die Mutter war mit ihren Kindern allein, der Vater geriet in die Mühlen der Repression und strandete irgendwo im Ural. Dort kam er um.

Ich stelle mir das vor: Sie arbeitet mit mit Sprachen, so wie ich, hat zwei Kinder, die sie allein erzieht. Sie lebt in einer Gemeinschaftswohnung, Privatsphäre gibt es nicht. Die kleine Tochter geht noch nicht einmal in die Schule. Der Sohn hat die achte Klasse beendet und lebt das Leben eines Teenagers: Freunde, schräge Gedanken, Aufmüpfigkeit, tiefe Unsicherheit bezogen auf den eigenen Wert und die Wertschätzung gegenüber anderen. Ihn interessieren alle möglichen Orte, am wenigsten sein zu Hause. Für ihn steht die Zukunft vor der Tür, noch zwei Jahre, dann ist er erwachsen.

Dann beginnt die Blockade von Leningrad. Die deutsche Armee bombardiert gezielt die Depots für Lebensmittel und Treibstoff. Das strukturierte deutsche Denken setzt auf den Hunger. Das spart Material und Munition. Man will die Großstadt Leningrad nicht erobern, man will keine Kapitulation. Man will in eine leere Stadt eindringen, in der nur noch der Wind wohnt. So wie in einem Geistermärchen.

In Leningrad leben zu diesem Zeitpunkt 600 000 Kinder. Zwei dieser Kinder sind Jura Rjabinkin und seine kleine Schwester.

Daniil Granin hat gemeinsam mit Ales Adamovitsch eine Dokumentation erarbeitet, in der dem Tagebuch von Jura Rjabinkin ein wichtiger Platz eingeräumt wird.

https://www.aufbau-verlag.de/index.php/blockadebuch.html

https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/rede_granin-261326

Das Tagebuch hat den Krieg überlebt. Jura Rjabinkin hat sich gegen den Hunger gesträubt. Er hat versucht, sich festzuhalten: an den Freunden, an den Büchern. Irgendwann hört er auf, seine Freunde zu besuchen. Im Tagebuch verliert sich die Spur der Freunde, es bleibt das Anstehen in der eisigen Kälte, Selbstvorwürfe, der Kampf gegen den Neid auf die kleine Schwester, die ein wenig länger an ihrem Brot herumkaut. Der Jahreswechsel 1941/42 ist das letzte Neujahrsfest für Jura Rjabinkin. Er wandert durch die Wohnung und beschreibt die einzelnen Zimmer. In seiner Erinnerung sind sie warm, und in der Mitte steht eine Neujahrstanne. Der Sechzehnjährige wirft die Schale ab. Er wirkt wie ein kleines Kind, absolut verletzlich. Diese Zeilen sind bereits der Abschied. Er weiß, dass es keine Neujahrsfeste mehr gibt.

Am 8. Januar bekommen sie die Erlaubnis zur Evakuierung. Die Mutter, selbst entkräftet, versucht ihren Sohn zu mobilisieren. Zu diesem Zeitpunkt steht er nicht mehr auf, seine Energie ist aufgebraucht. Er wird zurückgelassen. Die Mutter stirbt in den ersten Tagen nach der Evakuierung. Sie war schon beim Aufbruch vom Hungertod gezeichnet. Die kleine Schwester überlebt. Während der Interviews kämpfte sie gegen Schuldgefühle. Irgendwie hielt sie sich an der Hoffnung fest, dass ihr Bruder doch noch ausgeflogen wurde. Wo ist Jura Rjabinkin? In Piskarjowskoje? Unter den Marmorplatten des modernen Gedenkortes? Irgendwo unter einem Stadtwald? Oder sonst irgendwo, am Ende doch in einer fremden Stadt, vielleicht in Wologda, wohin zumindest sein Tagebuch den Weg fand? Mich erschüttert vor allem die Perspektive der Mutter. Fast alle, die überlebten, hatten irgendeinen „Schutzengel“. Das waren meistens Männer. Die Männer an der Front, die jemanden schicken konnten. Oder ein Bruder, der dafür sorgte, dass die Angehörigen herausgeholt wurden. Die Mutter von Jura war ganz allein. Ich schaffe es nicht, noch irgendetwas dazu zu schreiben. Dafür gibt es keine Sprache. Sie zieht ihr kleines Kind auf dem Schlitten durch die zugefrorene Stadt. Das große Kind bleibt in der eisigen Wohnung. Wenige Tage später ist sie tot.

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