Extraterrestrische Artefakte – Außenseiter und Algorithmen

Guten Tag, Vater,

wie ich weiß, warst du bezogen auf deine Hoffnungen für die Zukunft der Welt auf den Umsturz fixiert. Für einen Kommunisten ist das vermutlich die normale Haltung. Wenn man das Kriegsende mitgemacht hat und es irgendwie überlebt hat, und erfahren musste, wie sich der gesamte Besitz der Familie auflöst, dann weiß man auch, dass man Umstürze übersteht. Das ist eine Sicherheit, die mir fehlt. Gerade jetzt, wo manches wieder auf den Umsturz als historische Konstante hinweist, sehne ich mich intensiv nach dem Gegenteil jedweder Revolution. Jetzt, da ich wieder in Russland angekommen bin, sehe ich, dass auch nach dem abgrundtiefen Chaos der Jelzin Jahre wieder so etwas wie Alltag Einzug gehalten hat. Unten im Supermarkt kann man Essen kaufen und wenn das Theater aus ist, muss man auf dem Heimweg nicht um sein Geld und und um seine Gesundheit sorgen. Es ist kalt, aber dabei ist es sicher. Die Jelzin Jahre waren dagegen furchtbar.

Als Wissenschaftler warst du konservativ und als strenger Positivist galt für dich die Regel, dass die Welt dem Forscher zu Füßen liegt, er muss sie erkennen und darüber sprechen. So etwas wie zahlreiche konstruierte Parallelwelten, je nach Forschungsansatz und Erkenntnissystem so vertraut miteinander wie fremde Galaxien, war dir absolut fremd. Die Frage, woher das Neue in den Gedanken stammt, hatte eine relativ klare und unausweichliche Antwort: Man muss es anschauen, erkennen und beschreiben. Für dich gab es immer die Wahrheit als Begleiterin deiner zahllosen Ausflüge in die Archive. Meine Vorstellung, dass Wahrheit in der Struktur unserer Gespräche erst entsteht, hast du letztendlich sogar bekämpft. Bei meiner eigenen Forschung hat mir das sehr geholfen. So wie ich es heute sehe, habe ich meine Außenseiter Idee an deinem Widerstand geschliffen. Genützt hat es eher wenig, aber inzwischen ist der Gedanke der strukturbedingten Wahrheit längst Gemeingut. Ehrlich gesagt, Gemeingut von gestern, denn inzwischen schwenkt die große Karawane wieder auf die Route der wahren Werte ein und ich suche bereits nach einer Oase, in der ich zurückbleiben kann, um Orangen zu züchten und Rosinen in der Sonne zu trocknen. Im Gegenlicht sehe ich deinen Schatten vorüber reiten. Mir scheint, dass du mir aus der Ferne zuwinkst.

Darf man alles denken oder machen wir uns mit einigen Gedankenmustern zum Clown? Wie eigentlich kommt das Neue in die Welt? „Selbst wenn ich falsch läge, wäre ich glücklich.“ Abraham Loeb ist Havard-Professor und offensichtlich frei von der Furcht, sich vor der Welt als fehlerhaft denkender Außenseiter zu entlarven. Ohne unkonventionellen Anfang entsteht kein neuer Gedanke und keine neue Theorie. Wissenschaft ist in der täglichen Praxis sehr oft die Reproduktion des bereits bekannten Inventars, möglichst reibungslos angepasst an möglichst viele noch nicht erschöpfend abgehandelte Felder. Loeb hat eine andere Vision: „Das größte Privileg eines Wissenschaftlers ist es, sich die kindliche Neugier zu bewahren. Sie müssen nicht so tun, als wüssten sie die Antwort. Sie können Fragen stellen, Risiken eingehen, es ist okay, falsch zu liegen.“

https://www.zeit.de/wissen/2018-11/oumuamua-aliens-ausserirdisches-leben-harvard-komet-abraham-loeb

Da sind viele positive Kommentare von den Lesern in der „Zeit“. Meiner hier wäre einer mehr, aber allesamt sind wir nicht vom Fach. Das „Fach“ ist an Hochschulen und Instituten beheimatet und wirkt wie ein ungeheurer Filter, der weder grüne Mäuse, noch spontan hingerotzte Gedanken hindurchlässt. Was sich nicht auf irgendeine Weise im Gitter der Normalität verankert, wird ausgeschwemmt. Wie das Koffein aus den Kaffeebohnen. Das ist wie das Lachen über das falsche Kleidungsstück. Es erzeugt die Referenzgröße Normalität in unendlich vielen Akten von Ausgrenzung und Etikettierung. „Lächerlich“, „falsch“, „verrückt“, „narzistisch“ usw. sind Postulate von Normalität oder fast rituelle, sich ewig wiederholende Beschwörungen von etwas, das an sich ganz einfach fehlt. Es gibt keine Normalität ohne statistisches Mittelmaß.

Eigentlich wäre das ja egal. Es ist durchaus möglich, ein Leben ohne Hochschulzertifikate zu führen. Niemand zwingt uns, unsere Gedanken im Prozess einer akademischen Laufbahn zunächst in Espressopulver und dann sehr bald in den feiner gemahlenen Filterkaffee zu zermahlen. Es tut ein bisschen weh, wenn man Absagen bekommt, die damit zusammenhängen, dass ein Projekt nicht in den Kontext der Erwartungen passt. Es kränkt das Selbstbewusstsein, wenn die andere Seite dann auch noch durchblicken lässt, dass eine Struktur nicht „akademisch“ oder „wissenschaftlich“ ist oder dass der „subjektive“ Ansatz zu stark im „künstlerischen“ Umfeld verankert ist. Juri Lotman hat einmal festgestellt, dass ein Kunstwerk das kybernetische Modell einer Welt sei. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass ein unkonventioneller Ansatz, der (zumindest zunächst) nur auf einer isolierten Theoriewelt beruht, der Kunst zuzuordnen wäre. Die Kunst als Fließband für das Neue. Auch das ist OK. Wenn es nur nicht diese endlos langweiligen Konferenzen gäbe, auf denen sich der gut segmentierte Unsinn als wissenschaftliches Engagement verkleidet und so tut, als ob er danach streben würde, die Welt zu erhellen.

Vater, stell dir doch mal vor, dieses kosmische Objekt Oumuamua wäre wirklich ein außerterestrisches Artefakt. Der klassische Kommunismus wäre mit allen seinen Paradigmen erledigt. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht kommt es ja zurück? Vielleicht hat es unsere Anwesenheit registriert? Gibt es im Moment in irgendeinem ernstzunehmenden Kontext eine Möglichkeit, derartige „künstlerische“ Erwägungen durchzuspielen? Was könnte die Aufnahmeanamnese in der psychiatrischen Bereitschaft ergeben, wenn man mit solchen Vorstellungen herausrücken würde? Es würde Fragebögen regnen, und ein automatisiertes System wäre damit beschäftigt, dem Grad der Abweichung zunächst einen Zahlenwert und später eine Diagnose zuzuordnen. Lass und an dieser Stelle auf keinen Fall an die Medikamente denken. Viel gravierender ist, dass es bereits jetzt Hochschulen geben soll, die ihren Mitarbeitern im Bewerbungsverfahren ankündigen, dass ein Besuch beim Psychiater Teil der Prozedur ist. Was mache ich, wenn es mich trifft? Ich spreche weder über Sonnensegel, noch über künstlerische Erkenntnismodelle. Wahrscheinlich spreche ich über Semiotik. Das ist spannend und unverständlich und führt mit einiger Sicherheit am Narzismus vorbei.

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