China Anfang

Lieber Vater,

während ich hier durch die Straßen laufe, sehe ich die älteren Männer auf den Bänken und überlege, was ihre Vergangenheit sein könnte. In gewisser Hinsicht leben sie deinen Traum vom Sozialismus, auch wenn er eine eigenartige Verwandlung hinter sich hat. Gestern bin ich am Abend durch ein Wohnviertel spaziert. Plötzlich überkam mich völlig unerwartet ein Gefühl aus meiner Jugend: die Gewissheit grenzenloser Sicherheit gemischt mit grenzenloser Langer Weile. Es war so heiß wie in den Sommern, als wir vor der Kaufhalle nach bulgarischen Wassermelonen angestanden haben und der gleiche süßliche Geruch hing in der Luft. An der Ecke stand ein Melonenlaster. Die Menschen trugen die Melonen nach Hause und wirkten, als läge die Zeit wie eine endlose Straße zu ihren Füßen. Bist du irgendwo in der Nähe? Gibt es aus deiner Perspektive noch einen Unterschied zwischen Asien und Europa oder zwischen unserem sozialen Kapitalismus und ihrem kapitalistischen Sozialismus?

 

Tag eins

Am Ende des Tages zieht sich der erste Eindruck allmählich zurück und weicht einem irgendwie entrückten Staunen. Der Anfang war schockierend. Mit abstoßender Effizienz erfasst das System den Strom der einreisenden nichtchinesischen Personen und nivelliert jede Schattierung von Unterschied. Mit mir im Flugzeug reiste das Orchester des Bolschoi Theaters. Einige der Musiker gaben vor, für die automatische Erkennung der Fingerabdrücke zu ungeschickt oder zu dumm zu sein. Mit sanfter, unausweichlicher Konsequenz griffen junge, höfliche Beamte nach den Handgelenken der Musiker und lenkten sie freundlich in Richtung des Scanners. Das Gefühl. Das sich automatisch einstellt, ist das der Unterwerfung unter eine von allem Menschlichen befreite Kontrollmacht. Die jungen, sehr sympathischen Polizistinnen und Polizisten laden dazu ein, jeden Widerstand gegen was auch immer zu vergessen und sich einzufügen. Im Fahrstuhl des Hotels hängt eine Liste mit Ermahnungen: Gewalt und der Gebrauch scharfer Gegenstände sind nicht gestattet. Vielleicht betrifft das die Gesamtheit aller denkbaren Aktivitäten.

24 Stunden später habe ich das erste Mal in meinem Leben eine Ananas gegessen. Alles andere vorher waren Imitationen. Der Campus ist eine Oase, durch die frühe Dunkelheit flattern winzige Fledermäuse, im Gebüsch ruft eine Nachtigall. Ich gehe in die Nähe, um zu prüfen, ob sie echt ist. Da sitzt sie und lässt sich nicht irritieren. Gestern habe ich eine Katze dabei beobachtet, wie sie ein vergittertes Loch im Rasen anstarrt. Aus der Erde kamen Vogeltöne, erzeugt von einem eingegrabenen Lautsprecher. Die Häuser gefallen mir. Sie verfügen über einen fast organisch wirkenden Grundriss und klug strukturierte Fassaden. Auf allen Dächern sind Solaranlagen montiert. Zwischen Instituten und Wohngebäuden erstreckt sich ein von einem Fluss durchzogener Park mit Oleander, Zypressen und immergrüner Bepflanzung. Es gibt keine Mücken und es gibt keine Wasservögel. An den Zweigen der Bäume hängen grüne Käfige, in denen auf geheimnisvolle Weise die Fliegen eingesammelt werden. Die Studentinnen/Studenten wandern in kleinen Gruppen umher. Offensichtlich kommen manche Eltern zu Besuch und verbringen den Sonntag gemeinsam mit ihren Kindern. Es gibt sehr viele Liebespaare. Die Leute fahren mit dem Fahrrad und lächeln, wenn man dumm im Weg herumsteht.

Ich brauche einen Zugang zum Netz. Ohne chinesische Telefonnummer geht das nicht einmal bei Starbucks. Eine Studentin versucht mir zu helfen. Ohne zu zögern versucht sie, mich über ihre eignen Nummer im Netz anzumelden. Das ist für mich absolut unglaublich und unter keinen Umständen auf Berlin übertragbar. Es funktioniert nicht, sie entschuldigt sich. Ich bin dankbar für die Erfahrung. Es erzeugt in mir ein Gefühl großer Sicherheit.

Tag zwei

Den Weg zum anderen Campus erlebe ich als Achterbahnfahrt über unvorstellbar hohe Autobrücken, die wie ein Exoskelett über der Innenstadt liegen. Tief unten öffnen sich die Straßen, in denen die Menschen leben. Selbst unter den Auffahrbrücken wachsen immergrüne Pflanzen. Ich frage mich, woher sie Wasser bekommen und ob sie mit dem ewigen Schatten glücklich sind. Am Stadtrand liegen große Fabrikgebäude. Viele von ihnen brüten unbenutzt in der Hitze. Sie beeindrucken durch ihre Farben: leuchtendes Gelb, Rot. Die Plätze zwischen den Gebäuden sind menschenleer.

Überhaupt befinde ich mich bisher an Orten, an denen irgendwie die Menschen fehlen. Die Studentinnen und Studenten haben stets erzählt, wie überfüllt die Straßen sind und wie leer ihnen Berlin vorkommt. Mir geht es umgekehrt. Vielleicht lebe ich hier in einer Blase, die nicht den geringsten Bezug zur wirklichen Welt hat. Auch vor dem Innenstadtcampus gab es kaum Leute. Ein paar rauchende Männer sitzen auf einer Bank, eine alte Frau schaukelt ihr Enkelkind. Ein Großvater fährt den Enkelsohn (hinten) und einen strahlend weißen Hund (vorn) mit dem Elektroroller spazieren. Es ist unfassbar heiß. Eine sehr schöne, geschäftlich gekleidete Frau besucht ihre Tochter/Nichte auf dem Campus. Die Studentin wirkt übermüdet und glänzt vor Schweiß. Der Mutter/Tante sieht man nicht das Ggeringste an. Das Licht wirkt auf seltsame Weise fahl. Die Geräusche und die Farben verblassen wie in einem Nebel. Der gesamte Campus ist eigenartig geräuschlos. Oben auf dem Fakultätsgebäude haben sie einen Dachgarten mit bequemen Korbsesseln. Es ist eine irgendwie unheimliche Vorstellung, sich dort niederzulassen. Als wären weder dieser kleine Garten, noch der darunter liegende Campus, noch die sanften, freundlichen Studenten Teile des bekannten Universums. Ich denke viel an Science Fiction. So stelle ich mit die Orbitale von Ian Banks vor: Sehr schön, aber auf schwer nachvollziehbare Weise zerbrechlich.

Dritter Tag

Heute ist es so heiß, dass gar nichts passiert. Vor der Fakultät für alternative Antriebssysteme liegt eine Katze im Schatten. Im Garten des wuchtigen Gebäudes tanzt ein Professor mit langsamen, konzentrierten Bewegungen einen meditativen Tanz. Weit ab von allem, neben einem künstlichen Fluss übt eine Studentin Geige. Sie kniet im Schatten eines Baumes, am Stamm lehnt das Notenheft. Ich sehe Enten, das freut mein Herz. Neben dem Fluss hockt ein trauriger Hund in einem festgeketteten Käfig auf dem Rasen. Ist er eine unaussprechliche Zutat für ein chinesisches Gastmahl oder handelt es sich einfach um Hundeurlaub aus dem 30stöckigen Hochhaus? Ich weiß es nicht, aber in jedem Fall sieht es schlimm aus. Die Studenten leben nicht viel besser: Manchmal teilen sich sechs von ihnen ein gemeinsames Zimmer. Dennoch fehlt der Grundton der Gereiztheit, der in Berlin aus jeder Maurritze herausquillt. Warum ist das so? Sind wir hier auf dem Mond, wo es prinzipiell keine Konflikte gibt oder im Traumland der AFD, wo das Richtige alles andere dominiert und überwuchert, bis es sich assimiliert oder auflöst?

Das Auge erfasst gleichzeitig die kunstvoll gewundenen Blumenrabatten der chinesischen Gartenkunst, dazwischen Bambushaine, ungeheuerliche Hochhausriesen, Männer in Gummistiefeln, die Fische fangen und die Viadukte, von denen ständig Staub und Lärm herunterrieseln, bis man es nicht mehr bemerkt. Wenn unten im künstlichen Wald der Abend heraufzieht, sitze ich in der 20Millionenstadt auf dem Balkon und fühle mich wie im Urlaub. Es gibt keinen Grund, die Schuhe anzuziehen und das andere, nicht Zurechtgebogene zu suchen. Draußen fällt grauer Regen, hier gibt es nette Leute, Tee, ein Badezimmer, das Paradies in Form von Wassermelonen, Ananas, Mangos.

Ich sehe den Mann, der in einer blauen Jacke mit dem Motorino die Straße entlangfährt. Eine Hand trägt eine Kiste, die andere lenkt. Dabei raucht er. Wie macht er das? Was transportiert er? Macht es ihm Freude oder ist es eine Last? Wer wartet auf ihn? Wohin fährt er? An der Haltestelle stehe ich neben einer schlanken Frau in meinem Alter. Auch sie liebt offensichtlich ein kräftiges, strahlendes Blau. Sie trägt eine kunstvoll gehäkelte blaue Weste und wasserblaue Strümpfe. Sie ähnelt meiner Großmutter, ich hatte ihr Gesicht fast vergessen, nun steht es wieder vor meinen Augen. Die Frau trägt eine Tasche, aus der eine Pflanze herausschaut. Unter ihrem Arm klemmt ein Buch. Auch das würde zu meiner Grußmutter passen. Hat meine Großmutter eine Doppelgängerin in Schanghai? Gibt es uns alle irgendwo auf der Welt ein zweites Mal, leicht modifiziert, aber unverkennbar? Man muss vorsichtig sein, sonst versinkt man in der aberwitzigen Idee, dass die Welt eine Simulation ist.

Fünfter Tag

Bereits vor der Ausreise musste ich zum Arzt. Nur wer gesund ist, darf nach China. Das ist eine seltsame Vorstellung, dass man zum Arzt geht, um sich eine Art Siegel abzuholen. Die Ärztin als Ingenieurin, die meine Maschine im Probelauf testet. Das Haus, in dem ich wohne. Das ich weder verkaufen möchte, noch vermiete. Dennoch erhält es quasi einen Verkehrswert.

Hier in Shanghai wurde die Prozedur wiederholt. Das wird wahrscheinlich auf lange Sicht zu meinen bleibenden Erinnerungen gehören. Es ist möglich, einen Körper medizintechnisch zu bewerten, ohne seinem Einwohner auch nur einen Anschein von Beachtung zu schenken. Und einmal in einer solchen Maschine angekommen, versteht es sich von selbst, dass der geringste Widerstand aussichtslos ist und es den Sprung vom Fließband ganz einfach nicht gibt. Wer sich in China als arbeitender Ausländer registrieren lässt, muss zweimal die Lunge röntgen lassen, wird gewogen, mit dem Ultraschallgerät untersucht, muss Blut abgeben. Niemand erklärt vorher irgend etwas über den Ablauf. Damit es zu keinen Verzögerungen kommt, erhalten die zu untersuchenden Personen einen bequemen, gesteppten, weißen Mantel. Bei uns wäre der ziemlich teuer. Schmuck und Uhren werden abgelegt, über den Schuhen trägt man blaue Tüten. Der Besitz (Taschen, Rucksäcke, Computer) wird eingeschlossen.

Es ist eine minimale Veränderung, aber sie bewirkt, dass dem Selbst auf einmal der Panzer fehlt. Nach dieser Metamorphose besteigt man quasi das Fließband. Nach einem unverständlichen, aber gut organisierten System durchläuft man eine Reihe von Zimmern, in denen schweigende Angestellte in rosa oder weißen Kitteln mit Hilfe von technischer Ausrüstung feststellen, ob der Körper tauglich ist oder nicht. Das Ganze verläuft nahezu frei von jeglicher Kommunikation. Eine winzige Abweichung gab es: Die Ärztin/Krankenschwester, die mir Blut abnahm, hatte goldene Hände, ich habe absolut nichts gemerkt. Das habe ich ihr gesagt, da hat sie gelächelt und sich bei mir bedankt. Sie war der einzige Mensch, den ich in dieser Krankenhausmaschine angetroffen habe.

An diesem Abend fuhr ich mit dem Bus nach Hause. Mit dem Straßenbus, nicht mit dem Luxusshuttle der Universität. Es ging unten über die Pflastersteine, nicht über die Hochstraßen im Exoskelett der Riesenstadt. Es dauerte furchtbar lange, aber es war das erste Mal, das ich das Gefühl hatte, ein reales Land zu besuchen. Menschen drängeln in China wie überall. Omas schimpfen, wenn ihre Enkel im Bus am anderen Ende verschwinden. Babys werden angehimmelt. Junge Männer machen Lärm und lachen und alte Männer brummen dazu irgendwelche Kommentare. Was selbst in diesem überfüllten, heißen, ewig dahin kriechenden Klapperbus völlig fehlte, war die alltägliche Brutalität von Berlin. Es war sehr anstrengend, aber es blieb entspannt.

Siebenter Tag

Natürlich stellt sich die Frage, was hier unter Ausnahme oder Abweichung fällt. Wir sind auf die Ausnahme geeicht, aber das ist willkürlich, das ist unsere Kultur. Hier geht es zumindest zum Teil anders herum. Heute wurde eine Wissenschaftsmesse der Universität eröffnet. Der Rektor stand hinter seinem Pult und rief die Vertreter/Vertreterinnen der beteiligten Firmen bzw. Institute namentlich auf. Schräg hinter ihm stand eine weitere wichtige Persönlichkeit. Die Aufgerufenen erschienen auf der Bühne, schüttelten dem wichtigen Mann die Hand und reihten sich hinter ihm auf. Dort standen sie solange herum, bis alle angekommen waren. Vermutlich gab es in der Reihenfolge keinen Zufall. Eine (europäische) Frau lief direkt zu ihrem Platz, um das Händeschütteln zu vermeiden. Sie wurde diskret zurückgeschickt. Ordnung muss sein.

Während der Eröffnungsrede des Rektors fiel das Mikrofon aus. Sie habe es tagelang geprobt, ich habe es jeden Abend gehört. Aber es funktionierte nicht. Das wäre auch bei uns keine Freude gewesen. Hier gab es kein Lächeln der Überbrückung, sondern sehr viel Ernst. Ich möchte auf keinen Fall der Tontechniker sein. Ich denke, er hat einen üblen Tag.

Mir fiel der Pavillon eines Architekten ins Auge. Die Gebäude auf diesem Campusgelände sind im Wesentlichen monumental, dabei sehr modern. Das Beispiel, das mich festhielt, war ein gläsernes Institutsgebäude, errichtet nach dem Vorbild einer klassischen chinesischen Festung. Es ist ein außerordentlich gelungenes Zitat einer traditionellen Form und eine faszinierende Überführung in die Moderne. Erst viel später kam mir die Frage, warum man gerade eine Festung zum Bezugspunkt wählt, wenn man ein Haus für die Wissenschaft errichten möchte. Ist die Wissenschaft vielleicht in Wirklichkeit eine Festung und unser Gerede von Transparenz ist nicht mehr als ein Euphemismus?

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