Die Erinnerungskultur der Sieger

Dieses Mal schreibe ich aus Italien, aus Ravenna. Immer wieder schreibe ich von unterwegs, obwohl es kein Reisetagebuch ist, sondern die Fortsetzung der abgebrochenen Gespräche mit der Person, die mir bei meinem eigenen Spaziergang durch die Zeit so sehr fehlt. Während sich die Nacht im Hotel ausdehnt, lese ich das Buch einer deutschen Autorin, von der ich noch nie zuvor etwas gehört habe, obwohl sie zahlreiche Preise eingesammelt hat und feste Mitwirkende im Literarischen Quartett ist. So alt wie deine Söhne, 1970 geboren, begann sie nach dem Tod der Mutter ein Buch über die Unsterblichkeit zu verfassen. Es geriet mir in die Hände, als ich am Tag vor meiner Abreise nach einer Reiselektüre suchte, die mich vom Streit im innersten Kreise der Familie ablenken könnte. Familienstreit ist wohl tatsächlich so etwas wie unsere Erbkrankheit, ich denke, dass wir es von beiden Elternteilen übernommen haben. Ich konnte nicht ahnen, in welchem Ausmaß mich das Thema Unsterblichkeit hier in Ravenna überfallen würde. Aber natürlich ganz anders als bei Thea Dorn, die du wahrscheinlich gemocht hättest, mehr als ich, die ich eher am geradlienigen, unprätentiösen Narrativ festhänge, gerade und vor allem dann, wenn es um irrsinnige Dinge geht.

https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/Knaus/e446553.rhd

Hier, wo sich das Lebensgefühl bereits nach wenigen Tagen ändert, stellt sich die Frage nach der Unsterblichkeit auf andere Weise als im mürrischen Einerlei des Berliner Winters. So sehr gern hätte ich dir hier dabei zugeschaut, wie du ein Glas von einem sehr guten Roten trinkst. Gleich neben meinem Hotel gibt es so ein Lokal, dort sitzen die Leute und diskutieren über die Tische hinweg und sogar so eine zurückgezogene und ein wenig verklemmte Seele wie meine fühlt sich dort am Ecktisch so geborgen, dass sich das äußere Fell entspannt und die Muskeln hinter den Ohren locker werden. Hätte es dir gefallen? Nachdem ich jetzt deinen Heimatort kennengelernt habe, verstehe ich etwas besser, warum du immer wieder über die Alpen gefahren bist, ein wenig auch, warum du es mit dem Zug oder mit dem Bus getan hast. Man nähert sich langsam und schält sich nach und nach aus der osteuropäisch nördlich geprägten Verkalkung. Hier stehen die hohen Nadelbäume im sanften Seewind, der Regen nähert sich wie ein Freund und riecht ein wenig nach Fisch. Das Zitroneneis, das du so geliebt hat ist, ist ein Traum. Vor den kleinen Geschäften warten Berge von Orangen. In den Weihnachtsbäumen hocken lebendige Vögel zwischen den irgendwie ganz anders gefärbten Kugeln. Man sieht Wildgänse. Sie ziehen in kleinen Gruppen über die Felder.

Ravenna ist ein Ort, der mir sehr gefällt. Unabhängig von den Zeugnissen der spätantiken Machtentfaltung, um derentwillen ich eigentlich hier bin, zieht mich der Alltag der mittelgroßen italienische Stadt so sehr an, dass ich mir vorstellen könnte, hier zu leben. Ich muss mich konzentrieren, um nicht zu vergessen, wie es sich angefühlt hat, als ich das damals in Lecco wirklich versucht habe. Man braucht dazu Wohlstand und eine große, sichere Familie. Die Leute hier wirken, als ob das hätten. Sogar diejenigen, die deutlich sichtbar von sehr weit herkommen, sehen so aus. Auch wenn ich mir sage, dass das nicht sein kann, wirken sie viel aufgehobener als ich selbst. Aber ich glaube, dass dies hier der richtige Ort gewesen wäre, um stundenlang miteinander zu sprechen. Mit dem Blick durch das regenbeschlagene Fenster auf das Straßenpflaster, das hier seit mehreren tausend Jahren an derselben Stelle herumliegt.

Die Zeit, um die es hier geht, ist eine Phase dramatischer Brüche. Anders als du, der du dem Kommunismus treu geblieben bist, hat mich am frühen Christentum stets ein Zweig der Häresien fasziniert, der hier in Ravenna zumindest zum Teil eine Manifestation gefunden hat. Die Ostgoten waren Arianer. Christus als Teil der Schöpfung war ihnen offensichtlich verständlicher als das Mysterium der wahrhaftigen Dreieinigkeit. Hieran glaubten später auch Bogomilen und Katharer. Nach der Eroberung der Stadt durch die Byzantiner erfolgte die übliche Auslöschung der Erinnerungsanker an das nicht willkommene Denken. Bereits vor diesem Ereignis zeigt sich in den atemberaubenden Mosaiken, welcher Stellenwert dem Kampf um die reine Lehre zukam. Ein wenig erinnert das an die selbstzerfleischenden Flügelkämpfe der Linken. Da gibt es eine Darstellung von Bücherverbrennung im Kampf um die Rechtmäßigkeit der Lehre. Im sogenannten Mausoleum der Galla Placida wirft der heilige Laurentius ein aufgeschlagenes Buch ins Feuer. Neben diesem Verbrennungsrost für falsche Texte (der gleichzeitig das Symbol für sein Martyrium ist) befindet sich ein Bücherschrein, in welchem die nunmehr kanonischen Bücher des Neuen Testaments versammelt sind. Diese Mosaiken bestehen aus natürlichen Edelsteinen und vergoldetem Glas. Ihre Haltbarkeit ist annähernd ewig. Mit offenem Mund staunt man das an, vor allem, wenn man wie ich die Backsteinkirchen Brandenburgs durchwandert hat und sehr wohl vor Augen hat, wie relativ die Ewigkeit eines Bauwerks ist. Zunächst glaubt man, irrtümlicherweise einen Blick auf einen Ausschnitt des Paradieses geworfen zu haben. Die gänzlich andere Symbolwelt dieser Verherrlichung des Guten Hirten überfällt den Betrachter/die Betrachterin und löst das Vorwissen auf. Keine Maria, kein Jesuskind, keine Lebenslegenden des Herrn. Statt dessen die Machtsymbolik der Spätantike in den christlichen Kontext übertragen, sofern das überhaupt irgendwie christlich ist.

Man weiß natürlich keinen einzigen Namen der Künstler oder auch nur der Baumeister. Bekannt sind die Auftraggeber und deren Interessen sprechen aus dem Bildprogramm. Dennoch erschüttert es mich, dass die Bücherverbrennung hier Eingang in den Zyklus der Verherrlichung gefunden hat. Ein einziger Gott und ein einziger Kaiser waren gleichgeordnete Elemente der Verkündigung. In Ravenna wird sichtbar, wie viel Aufwand nötig war, um dieses Weltverständnis der Ewigkeit einzuschreiben und es über die Unvergänglichkeit zur Unsterblichkeit zu erheben. Ohne die Präsenz einer arianischen Stadtgemeinde wäre das alles sinnlos gewesen. Wenn man es konsequent zu Ende denkt, dann ist das Mosaik der Bücherverbrennung in erster Linie ein Erinnerungsmonument für die verbannten apokryphen Bücher. Wird es eines Tages soweit kommen, dass man unser monströses Berliner Stadtschloss als indirektes Monument des gescheiterten Staatssozialismus interpretiert?

http://www.textblog.berlin/

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