Steine schweigen

Lodz im Dezember 2017

Gestern war ich in Lodz. Es regnete, zwischendurch sogar Schnee. Ich habe die Geburtsstadt meines Vaters besucht, aber ohne meinen Vater. Dazu hat es zu lange gedauert, bis ich mich aufraffen konnte. Solltest du, mein Vater, noch irgendwo in der Nähe sein, frage ich mich, ob du vielleicht sogar diesen Ort deiner Kindheit und Schulzeit ausgewählt hast, um noch ein wenig in der Nähe der lebendigen Menschen zu verweilen. Oder hast du dich dort möglicherweise sogar mit anderen Einwohnern dieser Stadt getroffen, die vielleicht schon seit mehreren Jahrzehnten dort auf dich warteten, irgendwo über diesen Dächern, aus deren Schornsteinen noch immer derselbe gelbliche Schwefeldreck auf-steigt, wie zu Zeiten meiner Kindheit und erst recht damals, in den letzten Jahren vor dem Krieg?

Wie hat die Stadt in diesen Jahren ausgeschaut? Sie war eine Industriestadt, die Fabriken ziehen sich wie eine grundlegende Struktur als Knotenpunkte durch das Netzwerk aus Hinterhöfen und Straßen. Ich verstehe, warum du den Ausdruck „Mietskaserne“ stets in so einer ganz speziellen Bedeutung gebraucht hast. Das ist anders als in Berlin. Wir haben auch eine Mischung aus Werkstätten, Ställen, Hinterhäusern und alten Bier- und Ballsälen, alles dicht zusammengeschoben. Aber nicht so, wie in Lodz. Dort war das ge-meinsame Errichten von Produktionsstätte und mehrstöckiger Wohnbaracke offen-sichtlich der Regelfall. Es gibt dazwischen kaum etwas anderes. Mir sind keine Schulen aufgefallen, aber vielleicht sind sie einfach verschwunden. Es wirkt deutlich, wie „The World without us“. Prächtige Fabrikantenvillen stehen leer. Der Verfall frisst Löcher in die Bebauung. Versuche, das alles umzuwidmen, machen eher Angst, denn man sieht, wie langsam das geht und wie schnell der Rest links und rechts auseinander bricht. Selbst dort, wo man glaubt, im Zentrum zu sein, entsteht ein Gefühl von aus der Zeit gefallener Tristesse: Die Geschäfte wirken wie Filmkulissen, die Menschen fahren schweigend mit ihrer uralten Straßenbahn. Da es fast keine Bäume gibt, fehlen die Vögel.

Und damals? Wer war damals auf diesen Straßen unterwegs? Du hast mir von Fuß-ballspielen erzählt, polnische Jungs und deutsche Jungs in einer Mannschaft, Straße gegen Straße. Ich habe überhaupt keine Kinder gesehen, keine Spielplätze, keinen Bolz-platz. Du hast erzählt, dass die Deutschen die Straße gesperrt haben, um die polnischen Jugendlichen einzufangen und zur Zwangsarbeit zu deportieren. Wenn ich das von deinem Geburtsdatum an nachrechne, müsste etwa zu diesem Zeitpunkt das Ghetto entstanden sein. Deine Stadt hieß nicht mehr Lodz, sondern Litzmannstadt, nach einem preußischen General, der sich als Wahlkampfredner Hitlers einen Namen gemacht hatte. Wie haben deine Eltern über diese Dinge gesprochen? Wie haben sie diesen Wechsel verkraftet, der sie letztendlich um ihre Existenzgrundlage brachte und die Welt zer-störte, in der sie sich zwischen polnischen, jüdischen und deutschen Nachbarn nicht ganz orthodox, aber doch einigermaßen erfolgreich eingerichtet hatten?

Ich habe nie erfahren, wo das Mietshaus stand, das deine Eltern besessen haben. Mir wird übel vor Scham, wenn ich mir bewusst mache, wie wenig ich gefragt habe. Wie groß war die Fabrik, in der mein Urgroßvater als Hauptbuchhalter tätig war? Waren die Mieter meiner Großeltern Arbeiter in derselben Fabrik? Wie hieß der jüdische Besitzer, der mit meinem Großvater nach Krakow in die Oper fuhr? Wie verlief das Gespräch zwischen deinen Eltern, nachdem sich mein Großvater bereit erklärt hatte, die Kinder seines Chefs illegal über die Grenze zu bringen und so zu ihrer Flucht nach Israel beitrug? Und warum entschloss sich der Vater dieser Jugendlichen mit seiner Frau ins Ghetto zu gehen, obwohl sie doch ahnten, welche Zukunft ihnen dort bevorstand?

Vor einigen Wochen hat Alexander Gauland gefordert, wir sollten unter unsere Nazi-vergangenheit einen Schlussstrich ziehen und wieder den Stolz auf die deutschen Soldaten in den Weltkriegen zulassen. Meine Reise nach Lodz fiel mit dem Parteitag der AFD zusammen und es gab dementsprechend eine relativ hohe Dichte in der Bericht-erstattung über die Äußerungen der Rechten. Gestern, als ich das alles in den Nach-richten hörte, war ich im Ghetto. Ich wollte dort über die Straßen gehen, das ist meine Art der Bitte um Vergebung, nicht für die Täter, aber für uns, die Nachkommen. Man kann das Ghetto auf der Karte finden, die Namen der Straßen sind etwa gleich. Bis auf ganz wenige Häuser ist nichts mehr da. Das, was an die Schuld erinnert, ist verbrannt. Im Zentrum der Stadt gibt es eine große Gedenktafel für die Synagoge, die zunächst angezündet wurde und später komplett abgetragen. Im Ghetto selbst stehen heute überwiegend Nachkriegshäuser. Ich habe keine Erinnerungsanker gefunden.

Mitten drin steht ein Gebäude, dass wahrscheinlich eine Schule war. Zu Beginn organi-sierte die jüdische Selbstverwaltung den Schulunterricht für die Kinder. Dann wurden 1941 die jüdischen Einwohner aus Wien und Prag nach Lodz verschleppt. Die Schulen wurden geschlossen, dort mussten die Neuankömmlinge unterkommen. Im September 1942 mussten die Familien alle Kinder unter zehn zur Deportation freigeben. Eltern, die sich weigerten, wurden erschossen. Ich denke an Willy Brandt und seinen Kniefall. Es gibt nichts, was man dazu sagen kann. Der Kniefall ist die einzige akzeptable Geste, aber es ist nun einmal nicht mehr als ein Zeichen.

Stolz auf die deutschen Soldaten im Krieg? Wenn ich so etwas höre, bringt es mich um den Schlaf. Ich sehe meine Enkel und deine Urenkel und mir stehen die Haare zu Berge. Ich bin stolz auf meinen Großvater, der offensichtlich den Mut aufbrachte, mit seinem eigenen Kopf zu denken. Ich bin stolz auf jeden Deserteur, der in meinen Augen ein Held ist. Ich bin stolz auf dich, denn von dir habe ich gelernt, Sinn von Unsinn zu unterschei-den. Ich bin stolz auf meine Tochter, die tapfer ihren zivilen Alltag lebt und Offenheit und Meinungsvielfalt praktiziert. Ich bewundere den Vater meiner russischen Freundin, der mit einem Lastkraftwagen über den vereisten Ladogasee fuhr und wie durch ein Wunder den Beschuss durch die Deutschen überlebt hat. Stolz auf die deutschen Soldaten? Ich möchte diejenigen, die so etwas von sich geben, gerne zu einem Besuch nach Polen einladen. Es ist fast egal, wohin sie fahren, sie werden nicht erfolgreich sein, wenn sie Dinge suchen, die irgendeine Form von Stolz auf unsere Armee im Weltkrieg rechtfertigen.

Der Zug, in dem ich sitze, nähert sich der deutschen Grenze. Anders als früher, gibt es wieder Passkontrollen, zur Vermeidung der illegalen Immigration. Als DDR-Flüchtling machen mir Passkontrollen bis heute Unbehagen. Ich denke an deinen Vater/meinen Großvater. Wie hat er das damals gemacht, als er mit den jüdischen Jugendlichen quer durch Europa gereist ist? Hatten sie gefälschte Pässe? Du hast erzählt, dass er behaup-tete, mit seinen eigenen Kindern unterwegs zu sein. Hat er das nur einmal gemacht? Hat er es wiederholt? Hatte er Angst davor, entdeckt zu werden? Hat er Routine entwickelt? Du hast mehrfach davon gesprochen, dass man den „Ostjuden“ mit bloßem Auge erkennt. Ich habe deshalb einige Male nicht mehr mit dir geredet. Jetzt verstehe ich besser, was du gemeint hast. Hier im Zug kontrollieren sie nur solche Menschen, die offensichtlich weder deutsche, noch slawische Urgroßeltern haben. Mensch ist keines-wegs gleich Mensch. Und welchen Einfluss habe ich darauf, dass meine Großväter beide in der Okkupationsarmee waren? Ist das der Grund, warum ich meinen Pass nicht her-zeigen muss, während der indische Arzt neben mir in eine längere Diskussion einge-wickelt wird? Was hat dein Vater in dieser Situation gemacht? Und wie ist er später in das Alltagsleben zurückgekehrt, zu den Einkäufen, Familienfesten, Elternversamm-lungen in der Schule? Am Ende musste er doch in den verhassten Krieg, und er ist aus irgendeiner, nicht bekannten Schlacht nicht zurückgekommen.

Die Schule habe ich mir gestern noch angesehen. Nach den Bildern im Netz habe ich ein martialisches, Gewalt ausstrahlendes Gebäude erwartet. Das deutsche Gymnasium in Lodz befand sich ganz im Gegenteil in einem wunderbaren Jugendstilbau, mit einer nahezu perfekten Fassade. Über der Eingangstür hockt eine Eule, fast wie bei Harry Potter. Steinerne Bienen begrüßen die Kinder, man erkennt von außen, dass es sehr hell war. Jetzt ist dort gar nichts mehr. Das Haus ist vernagelt und verfällt. Das ist das Endresultat der großen Kriege: Vernichtung von Bildung, Vernichtung von Ressourcen, Zerstörung von Einbettung und Diffusion.

http://www.textblog.berlin/

 

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