Briefe an meinen toten Vater

Angst vor der Polizei

Natürlich ist es nicht neu, dass die Gefühle gegenüber der Polizei ambivalent sind. Für eine deutlich positive Einstellung gegenüber der Polizei habe ich zu lange in der DDR gelebt. Das wurde nicht besser, als es im Zuge der Studentenstreiks Ende der 90er zu Konfrontationen kam, bei denen das Kriterium der Angemessenheit definitiv verloren ging. Aber es gibt auch weniger zweideutige Erinnerungen: Als junge Krankenpflegerin fuhr mich die (Ostberliner) Polizei mit dem Streifen­wagen nach Hause, als ich nach einem überlangen Dienst (Lebertransplantation in der Charite, weit entfernt vom heutigen Stand der Dinge) zusammenbrach und mich über die schlechte Prognose für die Patientin einfach nicht beruhigen konnte.

Damals trank ich auf dem Rücksitz den privaten Pfefferminztee eines uniformierten Polizisten. Und später arbeitete ich Spandau mit sehr kompetenten Ausbilderinnen und Ausbildern zusammen, als chinesische PolizistInnen zum Erfahrungsaustausch nach Berlin kamen. In dieser Zeit war ich als Deutschlehrerin regelmäßig auf dem Gelände der Polizei. Ich habe noch immer das Gefühl, dass ich damals über meinen Schatten gesprungen bin, aber es hat sich gelohnt. Die Wahrnehmungs­schab­lone hat ein paar Farben aufgenommen, die über das Inventar von Schwarz und Weiß hinausgehen.

Gestern erlitt ich einen schweren Rückfall. Das Katz- und Mausspiel aus meiner Jugendzeit im Osten holte mich wieder ein. Dieses Spiel ist mir zuwider, insbesondere meine Rolle als Maus. An diesem Morgen hatte ich ein gutes Gespräch. Ich möchte nach Indien gehen. Aus Bangalore war zu hören, dass meine Qualifikation OK sei und man froh wäre, wenn ich demnächst mitarbeiten könnte. Es war einer der ersten Frühlingstage. Ich beschloss, mit dem Fahrrad in die Uni zu fahren, der guten Laune nachzugeben, mich über das Licht zu freuen. Das war ein Fehler. Ein Polizeibus schob sich zwischen die Sonne und meine Person auf meinem alten Fahrrad.

Mit Körperschutz ausgerüstete Polizisten stiegen sprangen auf die Straße und schlagartig wurde aus mir ein Opfer. Ein Opfer auf dem Weg zur Arbeit. Es gibt da so ein Ungleichgewicht: Mein hässli­ches, altes Fahrrad, meine Nervosität wegen einer neuen Gruppe von Studierenden, die ich noch nicht kannte, die komplette Auflösung von jeder Spur von guter Laune. Polizisten tragen Schlag­stöcke, Handschellen, Handschuhe (impliziert bei mir den unguten Gedanken, ich sei schmutzig) und noch einige Dinge, deren Funktion mir unbekannt ist. Ich trage nichts. Ich zahle die Steuern, mit denen die Polizei finanziert wird. Wozu? Um Lehrerinnen auf der Straße zu erschrecken?

Was war eigentlich passiert? Es gibt eine Ampel in der Liebknecht Straße, der ist ein Fußgänger­übergang vorgelagert. Dort existiert eine separate Fahrradampel. Die eigentliche Ampel kommt etwa sechs Meter später. Ich bin abgestiegen. Habe gewartet, bis alle Fußgänger vorbei waren. Dann bin ich vorgerollt. Ein Verstoß, OK. Wenn man das beobachtet, machen das alle. Der Grund ist ein­fach: Als Radfahrerin wirst du von den abbiegenden Autos geschnitten, wenn du nicht rechtzeitig da vorne ankommst. Die ganze Strecke bis zum Brandenburger Tor ist gegenwärtig eine lebensge­fähr­liche Aufgabe, und es gibt auch nicht wirklich eine Alternative. Wo ist der Radweg, auf dem ich sicher durch diesen Teil der Stadt hindurchfahre?

Wer einen Verstoß begeht, entschuldigt sich. Es kann passieren, dass man zahlen muss. Bei Wieder­holung ohnehin. Aber zum Anerkennen des Fehlers benötigt man einen Gesprächspartner. Wenn der nicht vorhanden ist, gibt es auch kein Gespräch, ehrlich gesagt auch keine Einsicht. Worin besteht der Unterschied zwischen einem Algorithmus und einer lebendigen Person? Eine Person hat einen Gesichtsausdruck, verfügt über die Fähigkeit, in Kontakt zu gehen, kann das Verfahren und die Handlungsweise spontan an die Situation anpassen. Und was ist mir da passiert? Ich bin wirklich nicht sicher. Ich weiß nur, dass mich eine alte, längst vergessene Panik wieder einholt.

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