Suche nach einem Ort für Jura Rjabinkin

Guten Tag Vater,

gestern war ich lange auf dem alten Friedhof von Irkutsk. Er wurde um 1900 eröffnet, damals lag er außerhalb der Stadt. Heute herrscht hier fast undurchdringliche Wildnis. Die Toten sind unter sich. Sind sie ortsgebunden? Ich hoffe nicht, denn es wäre ungerecht, dass die einen für kurze Zeit ein abgestecktes Quadrat bekämen, die anderen einen Anspruch auf Ewigkeit unter immer höher wachsenden Bäumen. Es wirkt auf mich wie die nachträgliche Vereinigung mit der Natur, wie ein Ankommen in einer universellen Form von Bestimmung. Gerade hier, wo der Umwelt vielleicht gerade wegen ihrer überwältigenden Präsenz so deutlich Gewalt angetan wird. Für mich als Person wäre das so etwas wie eine nachträgliche Versöhnung: das Rückversinken in die anorganische Welt der Mineralien, wenn es dann soweit ist. Ich hoffe, dass es dir gegeben ist, die Berliner Parzellenordnung weit hinter dir zu lassen, mit welchem Ziel auch immer. Auch hier in Irkutsk werden möglicherweise irgendwann die Bagger kommen, und das verwilderte Areal zu gestalten, um es erneut zu nutzen. Es gibt solche Diskussionen. Doch es herrscht eine gewisse Scham. Was auch immer man bauen würde, niemand wollte es haben. Die einzige Nebennutzung erfolgt durch die Trinker. Jetzt im Sommer sitzen sie tief im meterhohen Gras. Sie trinken, fluchen, erzählen. Und opfern den Toten gelegentlich eine Zigarette. Die liegt dann auf einem umgestürzten Grabstein, bis der Regen sie restlos auflöst.

Ich ringe um diesen Text, denn ich möchte mich selbst und diejenigen, die meinen Blog vielleicht lesen, an Jura Rjabinkin erinnern. Aber es stockt. Deshalb bin ich auch über die Friedhöfe von Irkutsk gelaufen. Über die Orte, an denen die Menschen nicht mehr fassbar sind: keine Gespräche, keine Berührung, keine Absolution. Es ist angemessen, zu heulen. Es ist angemessen, auf die Knie zu fallen, wie Willy Brandt. Während ich hier um die Worte kämpfe, fallen die meisten anderen Angelegenheiten zurück hinter eine Art von Schattenwand. Rechnungen, Projektanträge, Unstimmigkeit mit Freunden, der Zahnarzt. Es verliert die Dringlichkeit und jede Kontur. Und ich schreibe es hier, in diesen Briefen an meinen Vater, weil dies der Ort ist, wo es für meinen Kopf eine Brücke gibt in die Landschaft der ganz und gar unfassbaren Verwerfungen in dieser relativ kurzen Zeit, als meine Nation damit befasst war, die europäische Zivilisation zu zerstören. Es graut mir bis auf die Knochen: vor uns.

Jura Rjabinkin wurde 1925 geboren, wie du, im gleichen Jahr. Er lebte mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester in Leningrad. Er entwickelte Ehrgeiz in Algebra. Er war ein guter Spieler: Schach und härtere Spiele um Geld. Auch dies hätte euch verbunden. Wenn Jura gewann, konnte er sich nicht zwischen Stolz und Scham entscheiden. Er freute sich über seine Begabung, aber er schämte sich vor den Freunden, die seinetwegen verloren. Er verehrte Dumas. Mit sechzehn widersetzte er sich den Zukunftsplänen seiner Mutter und bewarb sich nicht bei der Seefahrtsschule, wie sie es für ihn wollte. Er schrieb ein Tagebuch, aber diesen Eigensinn erklärt er in keinem Eintrag. Die Mutter war mit ihren Kindern allein, der Vater geriet in die Mühlen der Repression und strandete irgendwo im Ural. Dort kam er um.

Ich stelle mir das vor: Sie arbeitet mit mit Sprachen, so wie ich, hat zwei Kinder, die sie allein erzieht. Sie lebt in einer Gemeinschaftswohnung, Privatsphäre gibt es nicht. Die kleine Tochter geht noch nicht einmal in die Schule. Der Sohn hat die achte Klasse beendet und lebt das Leben eines Teenagers: Freunde, schräge Gedanken, Aufmüpfigkeit, tiefe Unsicherheit bezogen auf den eigenen Wert und die Wertschätzung gegenüber anderen. Ihn interessieren alle möglichen Orte, am wenigsten sein zu Hause. Für ihn steht die Zukunft vor der Tür, noch zwei Jahre, dann ist er erwachsen.

Dann beginnt die Blockade von Leningrad. Die deutsche Armee bombardiert gezielt die Depots für Lebensmittel und Treibstoff. Das strukturierte deutsche Denken setzt auf den Hunger. Das spart Material und Munition. Man will die Großstadt Leningrad nicht erobern, man will keine Kapitulation. Man will in eine leere Stadt eindringen, in der nur noch der Wind wohnt. So wie in einem Geistermärchen.

In Leningrad leben zu diesem Zeitpunkt 600 000 Kinder. Zwei dieser Kinder sind Jura Rjabinkin und seine kleine Schwester.

Daniil Granin hat gemeinsam mit Ales Adamovitsch eine Dokumentation erarbeitet, in der dem Tagebuch von Jura Rjabinkin ein wichtiger Platz eingeräumt wird.

https://www.aufbau-verlag.de/index.php/blockadebuch.html

https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/rede_granin-261326

Das Tagebuch hat den Krieg überlebt. Jura Rjabinkin hat sich gegen den Hunger gesträubt. Er hat versucht, sich festzuhalten: an den Freunden, an den Büchern. Irgendwann hört er auf, seine Freunde zu besuchen. Im Tagebuch verliert sich die Spur der Freunde, es bleibt das Anstehen in der eisigen Kälte, Selbstvorwürfe, der Kampf gegen den Neid auf die kleine Schwester, die ein wenig länger an ihrem Brot herumkaut. Der Jahreswechsel 1941/42 ist das letzte Neujahrsfest für Jura Rjabinkin. Er wandert durch die Wohnung und beschreibt die einzelnen Zimmer. In seiner Erinnerung sind sie warm, und in der Mitte steht eine Neujahrstanne. Der Sechzehnjährige wirft die Schale ab. Er wirkt wie ein kleines Kind, absolut verletzlich. Diese Zeilen sind bereits der Abschied. Er weiß, dass es keine Neujahrsfeste mehr gibt.

Am 8. Januar bekommen sie die Erlaubnis zur Evakuierung. Die Mutter, selbst entkräftet, versucht ihren Sohn zu mobilisieren. Zu diesem Zeitpunkt steht er nicht mehr auf, seine Energie ist aufgebraucht. Er wird zurückgelassen. Die Mutter stirbt in den ersten Tagen nach der Evakuierung. Sie war schon beim Aufbruch vom Hungertod gezeichnet. Die kleine Schwester überlebt. Während der Interviews kämpfte sie gegen Schuldgefühle. Irgendwie hielt sie sich an der Hoffnung fest, dass ihr Bruder doch noch ausgeflogen wurde. Wo ist Jura Rjabinkin? In Piskarjowskoje? Unter den Marmorplatten des modernen Gedenkortes? Irgendwo unter einem Stadtwald? Oder sonst irgendwo, am Ende doch in einer fremden Stadt, vielleicht in Wologda, wohin zumindest sein Tagebuch den Weg fand? Mich erschüttert vor allem die Perspektive der Mutter. Fast alle, die überlebten, hatten irgendeinen „Schutzengel“. Das waren meistens Männer. Die Männer an der Front, die jemanden schicken konnten. Oder ein Bruder, der dafür sorgte, dass die Angehörigen herausgeholt wurden. Die Mutter von Jura war ganz allein. Ich schaffe es nicht, noch irgendetwas dazu zu schreiben. Dafür gibt es keine Sprache. Sie zieht ihr kleines Kind auf dem Schlitten durch die zugefrorene Stadt. Das große Kind bleibt in der eisigen Wohnung. Wenige Tage später ist sie tot.

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Endlose Reihen Ramsch

https://www.perlentaucher.de/autor/andrzej-stasiuk.html

https://www.deutschlandfunk.de/auf-der-muellhalde-des-kontinents.700.de.html?dram:article_id=85341

Wenn ich aus dem Fenster blicke, fährt unten die uralte Straßenbahn durch den Schnee. Keine Ahnung, wann man diese Schienen verlegt hat, vermutlich unmittelbar nach dem Krieg. Die Häuser dort hinten bestehen aus unverputzten Ziegelsteinen. Ich habe gehört, dass die Studenten (und die Studentinnen) ihre Wohnheime selbst errichtet haben, um nicht in irgendwelchen Kellern zu übernachten. Wenn das heute erzählt wird, schwingt Stolz mit. Obwohl ich vielleicht einen Keller vorziehen würde, wenn ich mir das Leben dort hinter diesen Fenstern vorstelle. Das ist eine Frage des Charakters. Ich würde lieber im Dunkeln leben und den Raum mit Ratten und Büchern teilen, als mit drei anderen Mitbewohnerinnen, deren Privatspähre zwischen Kartoffeldunst und Fischgeruch zwischen den Wänden herumwabert.

Vor den Wohnheimen steht ein modernes Einkaufszentrum. In dessen Keller befindet sich die sogenannte „Oase“, ein katakombenartiger Verkaufsort für Kleidung, Wäsche, Schuhe und Ramsch. Vielleicht auch nur für Ramsch, wenn man genauer hinsieht, verblasst der Unterschied zwischen ausgemergeltem Plastikkitsch und Plastikschuhen, Plastikpistolen und Plastikjacken. Es gibt Kunden, die den Ramsch mit den Händen betasten, daran riechen, ihn im Licht der Neonlampen auf die Seite drehen. Vor den Pfeilern lehnen geduldige Verkäuferinnen am Beton und sortieren knallrote Büstenhalter. Sie lächeln dich an, wenn du Fragen hast. Sie nennen mich „meine Liebe“ und reduzieren den Ramsch in geradezu unfassbarer Weise, bis er eigentlich überhaupt nichts mehr kostet und endgültig wie ein Phantom wirkt.

Ich bin sicher, dass es die Straßenbahn und die unverputzten Wohnheime auch noch geben wird, wenn die Plastikverkleidung vom Einkaufszentrum nach und nach herabfällt. Sollte irgendwann jemand auf den Gedanken verfallen, dort Platz zu schaffen, wird es Schwierigkeiten bereiten. So eine Straßenbahn wehrt sich. Ich kann mir vorstellen, dass Marder und Tauben in die Wohnheimblöcke wandern, aber ich glaube nicht, dass sie einfach zusammenfallen. Die Ziegelsteinbauten der Römer stehen bis heute unübersehbar herum. Was geschieht mit den Plastikschuhen und mit den Büstenhaltern, wenn ihr erstes Leben, das vermutlich kurz ist, abläuft, und sie nur als Müll im Container landen?

Es ergibt sich das Paradox, dass die Objekte aus der sowjetischen Antikonsumzeit einen Charme entwickeln, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Decken, unter denen man viele Jahre schläft, die später den Enkelkindern im Wald den Rücken wärmen und noch später auf dem Markt Erdbeeren oder sogar Orangen vor dem Erfrieren bewahren. Bis sie sich im Ende fast völlig zerfetzt als Putzlumpen in den Händen der gewalttätigen Toilettenfrau an der Medizinischen Universität Respekt erzwingen. Und selbst das ist wahrscheinlich nur ein Zwischenschritt vor der letztendlichen Auflösung: Krähen, Katzen, Ratten verbauen sie vermutlich erfolgreich in ihren Nestern. Der Ramsch verschwindet. Aber wohin? Der deutsche Plastikmüll reist nach Malaysia. Neuer Frischmüll kehrt zurück. Die Quote der Wiederverwertung beträgt bei strenger Berechnung unter zehn Prozent. Und hier? Schwimmen die Plastikschuhe mit den Eisschollen bis in die Fischgründe im Baikalsee?

http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/plastikmuell-deutschland-recycelt-nur-5-6-prozent-des-abfalls-a-1248715.html

https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/wirtschaft/deutscher-plastikmuell-verschmutzt-malaysia-e590969/

Ich fühle mich, als ob ich Andrzej Stasiuk als Plagiat kopiere. Ich bestaune die Zudecke aus der Burjatischen Fabrik, gefüllt mit Ziegenwolle, hergestellt für die Ewigkeit. In ihrer unfassbaren Zeitlosigkeit ist sie geradezu entwaffnend. Man schenkt sie einem Komsomolzen und ein Parteiveteran kann sie einem Pionierlager spenden. Goldgelber Stoff, ein wenig Luxus in der Farbgebung. Bettbezüge waren nicht unbedingt vorgesehen. Aber der Kontext ist weg, nichts davon ist erhalten. Die Bettdecke ist ein Artfakt aus einer untergegangenen Kultur. So wie auch die Stiefel aus Rentierfell (Untui) und die von Hand gehäkelten, schweren Tücher aus Kaschmir. Und selbst hier hat die Ramscherschaffung bereits begonnen, Duplikate in zweifelhafter Ausführung auf den Markt zu schwemmen. Wo früher die Großmütter drei oder vier Exemplare mit einer individuellen Geschichte verkauften, stehen heute Säcke an den Rückwänden der Verkaufsstände. Sie sind bis obenhin vollgestopft.

Ich habe versucht, zu fragen. Niemand weiß, wo dieses Zeug herkommt. Interessant ist, dass sie es hassen, wenn man fotografiert. Fast als wäre es ihnen ein Gräuel, wenn ich dem Ramsch auf diese Weise ein wenig Dauerhaftigkeit gewähre. Der Ramsch wird hergestellt, um zu verschwinden. Dies ist sein einziger Zweck, und nur deshalb wird er verkauft. Damit er Platz macht für neue Kisten und neue Säcke mit seinesgleichen. Auf dem Zentralmarkt in Irkutsk verliere ich den Realitätssinn: Sehe ich nur das gleiche wie Stasiuk oder verfolgen mich seine Texte als animierte Halluzination aus einem zunehmend bösartigen Programm, erstellt von einer Mannschaft ernsthaft erkrankter Programmierer?

Extraterrestrische Artefakte – Außenseiter und Algorithmen

Guten Tag, Vater,

wie ich weiß, warst du bezogen auf deine Hoffnungen für die Zukunft der Welt auf den Umsturz fixiert. Für einen Kommunisten ist das vermutlich die normale Haltung. Wenn man das Kriegsende mitgemacht hat und es irgendwie überlebt hat, und erfahren musste, wie sich der gesamte Besitz der Familie auflöst, dann weiß man auch, dass man Umstürze übersteht. Das ist eine Sicherheit, die mir fehlt. Gerade jetzt, wo manches wieder auf den Umsturz als historische Konstante hinweist, sehne ich mich intensiv nach dem Gegenteil jedweder Revolution. Jetzt, da ich wieder in Russland angekommen bin, sehe ich, dass auch nach dem abgrundtiefen Chaos der Jelzin Jahre wieder so etwas wie Alltag Einzug gehalten hat. Unten im Supermarkt kann man Essen kaufen und wenn das Theater aus ist, muss man auf dem Heimweg nicht um sein Geld und und um seine Gesundheit sorgen. Es ist kalt, aber dabei ist es sicher. Die Jelzin Jahre waren dagegen furchtbar.

Als Wissenschaftler warst du konservativ und als strenger Positivist galt für dich die Regel, dass die Welt dem Forscher zu Füßen liegt, er muss sie erkennen und darüber sprechen. So etwas wie zahlreiche konstruierte Parallelwelten, je nach Forschungsansatz und Erkenntnissystem so vertraut miteinander wie fremde Galaxien, war dir absolut fremd. Die Frage, woher das Neue in den Gedanken stammt, hatte eine relativ klare und unausweichliche Antwort: Man muss es anschauen, erkennen und beschreiben. Für dich gab es immer die Wahrheit als Begleiterin deiner zahllosen Ausflüge in die Archive. Meine Vorstellung, dass Wahrheit in der Struktur unserer Gespräche erst entsteht, hast du letztendlich sogar bekämpft. Bei meiner eigenen Forschung hat mir das sehr geholfen. So wie ich es heute sehe, habe ich meine Außenseiter Idee an deinem Widerstand geschliffen. Genützt hat es eher wenig, aber inzwischen ist der Gedanke der strukturbedingten Wahrheit längst Gemeingut. Ehrlich gesagt, Gemeingut von gestern, denn inzwischen schwenkt die große Karawane wieder auf die Route der wahren Werte ein und ich suche bereits nach einer Oase, in der ich zurückbleiben kann, um Orangen zu züchten und Rosinen in der Sonne zu trocknen. Im Gegenlicht sehe ich deinen Schatten vorüber reiten. Mir scheint, dass du mir aus der Ferne zuwinkst.

Darf man alles denken oder machen wir uns mit einigen Gedankenmustern zum Clown? Wie eigentlich kommt das Neue in die Welt? „Selbst wenn ich falsch läge, wäre ich glücklich.“ Abraham Loeb ist Havard-Professor und offensichtlich frei von der Furcht, sich vor der Welt als fehlerhaft denkender Außenseiter zu entlarven. Ohne unkonventionellen Anfang entsteht kein neuer Gedanke und keine neue Theorie. Wissenschaft ist in der täglichen Praxis sehr oft die Reproduktion des bereits bekannten Inventars, möglichst reibungslos angepasst an möglichst viele noch nicht erschöpfend abgehandelte Felder. Loeb hat eine andere Vision: „Das größte Privileg eines Wissenschaftlers ist es, sich die kindliche Neugier zu bewahren. Sie müssen nicht so tun, als wüssten sie die Antwort. Sie können Fragen stellen, Risiken eingehen, es ist okay, falsch zu liegen.“

https://www.zeit.de/wissen/2018-11/oumuamua-aliens-ausserirdisches-leben-harvard-komet-abraham-loeb

Da sind viele positive Kommentare von den Lesern in der „Zeit“. Meiner hier wäre einer mehr, aber allesamt sind wir nicht vom Fach. Das „Fach“ ist an Hochschulen und Instituten beheimatet und wirkt wie ein ungeheurer Filter, der weder grüne Mäuse, noch spontan hingerotzte Gedanken hindurchlässt. Was sich nicht auf irgendeine Weise im Gitter der Normalität verankert, wird ausgeschwemmt. Wie das Koffein aus den Kaffeebohnen. Das ist wie das Lachen über das falsche Kleidungsstück. Es erzeugt die Referenzgröße Normalität in unendlich vielen Akten von Ausgrenzung und Etikettierung. „Lächerlich“, „falsch“, „verrückt“, „narzistisch“ usw. sind Postulate von Normalität oder fast rituelle, sich ewig wiederholende Beschwörungen von etwas, das an sich ganz einfach fehlt. Es gibt keine Normalität ohne statistisches Mittelmaß.

Eigentlich wäre das ja egal. Es ist durchaus möglich, ein Leben ohne Hochschulzertifikate zu führen. Niemand zwingt uns, unsere Gedanken im Prozess einer akademischen Laufbahn zunächst in Espressopulver und dann sehr bald in den feiner gemahlenen Filterkaffee zu zermahlen. Es tut ein bisschen weh, wenn man Absagen bekommt, die damit zusammenhängen, dass ein Projekt nicht in den Kontext der Erwartungen passt. Es kränkt das Selbstbewusstsein, wenn die andere Seite dann auch noch durchblicken lässt, dass eine Struktur nicht „akademisch“ oder „wissenschaftlich“ ist oder dass der „subjektive“ Ansatz zu stark im „künstlerischen“ Umfeld verankert ist. Juri Lotman hat einmal festgestellt, dass ein Kunstwerk das kybernetische Modell einer Welt sei. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass ein unkonventioneller Ansatz, der (zumindest zunächst) nur auf einer isolierten Theoriewelt beruht, der Kunst zuzuordnen wäre. Die Kunst als Fließband für das Neue. Auch das ist OK. Wenn es nur nicht diese endlos langweiligen Konferenzen gäbe, auf denen sich der gut segmentierte Unsinn als wissenschaftliches Engagement verkleidet und so tut, als ob er danach streben würde, die Welt zu erhellen.

Vater, stell dir doch mal vor, dieses kosmische Objekt Oumuamua wäre wirklich ein außerterestrisches Artefakt. Der klassische Kommunismus wäre mit allen seinen Paradigmen erledigt. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht kommt es ja zurück? Vielleicht hat es unsere Anwesenheit registriert? Gibt es im Moment in irgendeinem ernstzunehmenden Kontext eine Möglichkeit, derartige „künstlerische“ Erwägungen durchzuspielen? Was könnte die Aufnahmeanamnese in der psychiatrischen Bereitschaft ergeben, wenn man mit solchen Vorstellungen herausrücken würde? Es würde Fragebögen regnen, und ein automatisiertes System wäre damit beschäftigt, dem Grad der Abweichung zunächst einen Zahlenwert und später eine Diagnose zuzuordnen. Lass und an dieser Stelle auf keinen Fall an die Medikamente denken. Viel gravierender ist, dass es bereits jetzt Hochschulen geben soll, die ihren Mitarbeitern im Bewerbungsverfahren ankündigen, dass ein Besuch beim Psychiater Teil der Prozedur ist. Was mache ich, wenn es mich trifft? Ich spreche weder über Sonnensegel, noch über künstlerische Erkenntnismodelle. Wahrscheinlich spreche ich über Semiotik. Das ist spannend und unverständlich und führt mit einiger Sicherheit am Narzismus vorbei.

China Anfang

Lieber Vater,

während ich hier durch die Straßen laufe, sehe ich die älteren Männer auf den Bänken und überlege, was ihre Vergangenheit sein könnte. In gewisser Hinsicht leben sie deinen Traum vom Sozialismus, auch wenn er eine eigenartige Verwandlung hinter sich hat. Gestern bin ich am Abend durch ein Wohnviertel spaziert. Plötzlich überkam mich völlig unerwartet ein Gefühl aus meiner Jugend: die Gewissheit grenzenloser Sicherheit gemischt mit grenzenloser Langer Weile. Es war so heiß wie in den Sommern, als wir vor der Kaufhalle nach bulgarischen Wassermelonen angestanden haben und der gleiche süßliche Geruch hing in der Luft. An der Ecke stand ein Melonenlaster. Die Menschen trugen die Melonen nach Hause und wirkten, als läge die Zeit wie eine endlose Straße zu ihren Füßen. Bist du irgendwo in der Nähe? Gibt es aus deiner Perspektive noch einen Unterschied zwischen Asien und Europa oder zwischen unserem sozialen Kapitalismus und ihrem kapitalistischen Sozialismus?

 

Tag eins

Am Ende des Tages zieht sich der erste Eindruck allmählich zurück und weicht einem irgendwie entrückten Staunen. Der Anfang war schockierend. Mit abstoßender Effizienz erfasst das System den Strom der einreisenden nichtchinesischen Personen und nivelliert jede Schattierung von Unterschied. Mit mir im Flugzeug reiste das Orchester des Bolschoi Theaters. Einige der Musiker gaben vor, für die automatische Erkennung der Fingerabdrücke zu ungeschickt oder zu dumm zu sein. Mit sanfter, unausweichlicher Konsequenz griffen junge, höfliche Beamte nach den Handgelenken der Musiker und lenkten sie freundlich in Richtung des Scanners. Das Gefühl. Das sich automatisch einstellt, ist das der Unterwerfung unter eine von allem Menschlichen befreite Kontrollmacht. Die jungen, sehr sympathischen Polizistinnen und Polizisten laden dazu ein, jeden Widerstand gegen was auch immer zu vergessen und sich einzufügen. Im Fahrstuhl des Hotels hängt eine Liste mit Ermahnungen: Gewalt und der Gebrauch scharfer Gegenstände sind nicht gestattet. Vielleicht betrifft das die Gesamtheit aller denkbaren Aktivitäten.

24 Stunden später habe ich das erste Mal in meinem Leben eine Ananas gegessen. Alles andere vorher waren Imitationen. Der Campus ist eine Oase, durch die frühe Dunkelheit flattern winzige Fledermäuse, im Gebüsch ruft eine Nachtigall. Ich gehe in die Nähe, um zu prüfen, ob sie echt ist. Da sitzt sie und lässt sich nicht irritieren. Gestern habe ich eine Katze dabei beobachtet, wie sie ein vergittertes Loch im Rasen anstarrt. Aus der Erde kamen Vogeltöne, erzeugt von einem eingegrabenen Lautsprecher. Die Häuser gefallen mir. Sie verfügen über einen fast organisch wirkenden Grundriss und klug strukturierte Fassaden. Auf allen Dächern sind Solaranlagen montiert. Zwischen Instituten und Wohngebäuden erstreckt sich ein von einem Fluss durchzogener Park mit Oleander, Zypressen und immergrüner Bepflanzung. Es gibt keine Mücken und es gibt keine Wasservögel. An den Zweigen der Bäume hängen grüne Käfige, in denen auf geheimnisvolle Weise die Fliegen eingesammelt werden. Die Studentinnen/Studenten wandern in kleinen Gruppen umher. Offensichtlich kommen manche Eltern zu Besuch und verbringen den Sonntag gemeinsam mit ihren Kindern. Es gibt sehr viele Liebespaare. Die Leute fahren mit dem Fahrrad und lächeln, wenn man dumm im Weg herumsteht.

Ich brauche einen Zugang zum Netz. Ohne chinesische Telefonnummer geht das nicht einmal bei Starbucks. Eine Studentin versucht mir zu helfen. Ohne zu zögern versucht sie, mich über ihre eignen Nummer im Netz anzumelden. Das ist für mich absolut unglaublich und unter keinen Umständen auf Berlin übertragbar. Es funktioniert nicht, sie entschuldigt sich. Ich bin dankbar für die Erfahrung. Es erzeugt in mir ein Gefühl großer Sicherheit.

Tag zwei

Den Weg zum anderen Campus erlebe ich als Achterbahnfahrt über unvorstellbar hohe Autobrücken, die wie ein Exoskelett über der Innenstadt liegen. Tief unten öffnen sich die Straßen, in denen die Menschen leben. Selbst unter den Auffahrbrücken wachsen immergrüne Pflanzen. Ich frage mich, woher sie Wasser bekommen und ob sie mit dem ewigen Schatten glücklich sind. Am Stadtrand liegen große Fabrikgebäude. Viele von ihnen brüten unbenutzt in der Hitze. Sie beeindrucken durch ihre Farben: leuchtendes Gelb, Rot. Die Plätze zwischen den Gebäuden sind menschenleer.

Überhaupt befinde ich mich bisher an Orten, an denen irgendwie die Menschen fehlen. Die Studentinnen und Studenten haben stets erzählt, wie überfüllt die Straßen sind und wie leer ihnen Berlin vorkommt. Mir geht es umgekehrt. Vielleicht lebe ich hier in einer Blase, die nicht den geringsten Bezug zur wirklichen Welt hat. Auch vor dem Innenstadtcampus gab es kaum Leute. Ein paar rauchende Männer sitzen auf einer Bank, eine alte Frau schaukelt ihr Enkelkind. Ein Großvater fährt den Enkelsohn (hinten) und einen strahlend weißen Hund (vorn) mit dem Elektroroller spazieren. Es ist unfassbar heiß. Eine sehr schöne, geschäftlich gekleidete Frau besucht ihre Tochter/Nichte auf dem Campus. Die Studentin wirkt übermüdet und glänzt vor Schweiß. Der Mutter/Tante sieht man nicht das Ggeringste an. Das Licht wirkt auf seltsame Weise fahl. Die Geräusche und die Farben verblassen wie in einem Nebel. Der gesamte Campus ist eigenartig geräuschlos. Oben auf dem Fakultätsgebäude haben sie einen Dachgarten mit bequemen Korbsesseln. Es ist eine irgendwie unheimliche Vorstellung, sich dort niederzulassen. Als wären weder dieser kleine Garten, noch der darunter liegende Campus, noch die sanften, freundlichen Studenten Teile des bekannten Universums. Ich denke viel an Science Fiction. So stelle ich mit die Orbitale von Ian Banks vor: Sehr schön, aber auf schwer nachvollziehbare Weise zerbrechlich.

Dritter Tag

Heute ist es so heiß, dass gar nichts passiert. Vor der Fakultät für alternative Antriebssysteme liegt eine Katze im Schatten. Im Garten des wuchtigen Gebäudes tanzt ein Professor mit langsamen, konzentrierten Bewegungen einen meditativen Tanz. Weit ab von allem, neben einem künstlichen Fluss übt eine Studentin Geige. Sie kniet im Schatten eines Baumes, am Stamm lehnt das Notenheft. Ich sehe Enten, das freut mein Herz. Neben dem Fluss hockt ein trauriger Hund in einem festgeketteten Käfig auf dem Rasen. Ist er eine unaussprechliche Zutat für ein chinesisches Gastmahl oder handelt es sich einfach um Hundeurlaub aus dem 30stöckigen Hochhaus? Ich weiß es nicht, aber in jedem Fall sieht es schlimm aus. Die Studenten leben nicht viel besser: Manchmal teilen sich sechs von ihnen ein gemeinsames Zimmer. Dennoch fehlt der Grundton der Gereiztheit, der in Berlin aus jeder Maurritze herausquillt. Warum ist das so? Sind wir hier auf dem Mond, wo es prinzipiell keine Konflikte gibt oder im Traumland der AFD, wo das Richtige alles andere dominiert und überwuchert, bis es sich assimiliert oder auflöst?

Das Auge erfasst gleichzeitig die kunstvoll gewundenen Blumenrabatten der chinesischen Gartenkunst, dazwischen Bambushaine, ungeheuerliche Hochhausriesen, Männer in Gummistiefeln, die Fische fangen und die Viadukte, von denen ständig Staub und Lärm herunterrieseln, bis man es nicht mehr bemerkt. Wenn unten im künstlichen Wald der Abend heraufzieht, sitze ich in der 20Millionenstadt auf dem Balkon und fühle mich wie im Urlaub. Es gibt keinen Grund, die Schuhe anzuziehen und das andere, nicht Zurechtgebogene zu suchen. Draußen fällt grauer Regen, hier gibt es nette Leute, Tee, ein Badezimmer, das Paradies in Form von Wassermelonen, Ananas, Mangos.

Ich sehe den Mann, der in einer blauen Jacke mit dem Motorino die Straße entlangfährt. Eine Hand trägt eine Kiste, die andere lenkt. Dabei raucht er. Wie macht er das? Was transportiert er? Macht es ihm Freude oder ist es eine Last? Wer wartet auf ihn? Wohin fährt er? An der Haltestelle stehe ich neben einer schlanken Frau in meinem Alter. Auch sie liebt offensichtlich ein kräftiges, strahlendes Blau. Sie trägt eine kunstvoll gehäkelte blaue Weste und wasserblaue Strümpfe. Sie ähnelt meiner Großmutter, ich hatte ihr Gesicht fast vergessen, nun steht es wieder vor meinen Augen. Die Frau trägt eine Tasche, aus der eine Pflanze herausschaut. Unter ihrem Arm klemmt ein Buch. Auch das würde zu meiner Grußmutter passen. Hat meine Großmutter eine Doppelgängerin in Schanghai? Gibt es uns alle irgendwo auf der Welt ein zweites Mal, leicht modifiziert, aber unverkennbar? Man muss vorsichtig sein, sonst versinkt man in der aberwitzigen Idee, dass die Welt eine Simulation ist.

Fünfter Tag

Bereits vor der Ausreise musste ich zum Arzt. Nur wer gesund ist, darf nach China. Das ist eine seltsame Vorstellung, dass man zum Arzt geht, um sich eine Art Siegel abzuholen. Die Ärztin als Ingenieurin, die meine Maschine im Probelauf testet. Das Haus, in dem ich wohne. Das ich weder verkaufen möchte, noch vermiete. Dennoch erhält es quasi einen Verkehrswert.

Hier in Shanghai wurde die Prozedur wiederholt. Das wird wahrscheinlich auf lange Sicht zu meinen bleibenden Erinnerungen gehören. Es ist möglich, einen Körper medizintechnisch zu bewerten, ohne seinem Einwohner auch nur einen Anschein von Beachtung zu schenken. Und einmal in einer solchen Maschine angekommen, versteht es sich von selbst, dass der geringste Widerstand aussichtslos ist und es den Sprung vom Fließband ganz einfach nicht gibt. Wer sich in China als arbeitender Ausländer registrieren lässt, muss zweimal die Lunge röntgen lassen, wird gewogen, mit dem Ultraschallgerät untersucht, muss Blut abgeben. Niemand erklärt vorher irgend etwas über den Ablauf. Damit es zu keinen Verzögerungen kommt, erhalten die zu untersuchenden Personen einen bequemen, gesteppten, weißen Mantel. Bei uns wäre der ziemlich teuer. Schmuck und Uhren werden abgelegt, über den Schuhen trägt man blaue Tüten. Der Besitz (Taschen, Rucksäcke, Computer) wird eingeschlossen.

Es ist eine minimale Veränderung, aber sie bewirkt, dass dem Selbst auf einmal der Panzer fehlt. Nach dieser Metamorphose besteigt man quasi das Fließband. Nach einem unverständlichen, aber gut organisierten System durchläuft man eine Reihe von Zimmern, in denen schweigende Angestellte in rosa oder weißen Kitteln mit Hilfe von technischer Ausrüstung feststellen, ob der Körper tauglich ist oder nicht. Das Ganze verläuft nahezu frei von jeglicher Kommunikation. Eine winzige Abweichung gab es: Die Ärztin/Krankenschwester, die mir Blut abnahm, hatte goldene Hände, ich habe absolut nichts gemerkt. Das habe ich ihr gesagt, da hat sie gelächelt und sich bei mir bedankt. Sie war der einzige Mensch, den ich in dieser Krankenhausmaschine angetroffen habe.

An diesem Abend fuhr ich mit dem Bus nach Hause. Mit dem Straßenbus, nicht mit dem Luxusshuttle der Universität. Es ging unten über die Pflastersteine, nicht über die Hochstraßen im Exoskelett der Riesenstadt. Es dauerte furchtbar lange, aber es war das erste Mal, das ich das Gefühl hatte, ein reales Land zu besuchen. Menschen drängeln in China wie überall. Omas schimpfen, wenn ihre Enkel im Bus am anderen Ende verschwinden. Babys werden angehimmelt. Junge Männer machen Lärm und lachen und alte Männer brummen dazu irgendwelche Kommentare. Was selbst in diesem überfüllten, heißen, ewig dahin kriechenden Klapperbus völlig fehlte, war die alltägliche Brutalität von Berlin. Es war sehr anstrengend, aber es blieb entspannt.

Siebenter Tag

Natürlich stellt sich die Frage, was hier unter Ausnahme oder Abweichung fällt. Wir sind auf die Ausnahme geeicht, aber das ist willkürlich, das ist unsere Kultur. Hier geht es zumindest zum Teil anders herum. Heute wurde eine Wissenschaftsmesse der Universität eröffnet. Der Rektor stand hinter seinem Pult und rief die Vertreter/Vertreterinnen der beteiligten Firmen bzw. Institute namentlich auf. Schräg hinter ihm stand eine weitere wichtige Persönlichkeit. Die Aufgerufenen erschienen auf der Bühne, schüttelten dem wichtigen Mann die Hand und reihten sich hinter ihm auf. Dort standen sie solange herum, bis alle angekommen waren. Vermutlich gab es in der Reihenfolge keinen Zufall. Eine (europäische) Frau lief direkt zu ihrem Platz, um das Händeschütteln zu vermeiden. Sie wurde diskret zurückgeschickt. Ordnung muss sein.

Während der Eröffnungsrede des Rektors fiel das Mikrofon aus. Sie habe es tagelang geprobt, ich habe es jeden Abend gehört. Aber es funktionierte nicht. Das wäre auch bei uns keine Freude gewesen. Hier gab es kein Lächeln der Überbrückung, sondern sehr viel Ernst. Ich möchte auf keinen Fall der Tontechniker sein. Ich denke, er hat einen üblen Tag.

Mir fiel der Pavillon eines Architekten ins Auge. Die Gebäude auf diesem Campusgelände sind im Wesentlichen monumental, dabei sehr modern. Das Beispiel, das mich festhielt, war ein gläsernes Institutsgebäude, errichtet nach dem Vorbild einer klassischen chinesischen Festung. Es ist ein außerordentlich gelungenes Zitat einer traditionellen Form und eine faszinierende Überführung in die Moderne. Erst viel später kam mir die Frage, warum man gerade eine Festung zum Bezugspunkt wählt, wenn man ein Haus für die Wissenschaft errichten möchte. Ist die Wissenschaft vielleicht in Wirklichkeit eine Festung und unser Gerede von Transparenz ist nicht mehr als ein Euphemismus?

Die Erinnerungskultur der Sieger

Dieses Mal schreibe ich aus Italien, aus Ravenna. Immer wieder schreibe ich von unterwegs, obwohl es kein Reisetagebuch ist, sondern die Fortsetzung der abgebrochenen Gespräche mit der Person, die mir bei meinem eigenen Spaziergang durch die Zeit so sehr fehlt. Während sich die Nacht im Hotel ausdehnt, lese ich das Buch einer deutschen Autorin, von der ich noch nie zuvor etwas gehört habe, obwohl sie zahlreiche Preise eingesammelt hat und feste Mitwirkende im Literarischen Quartett ist. So alt wie deine Söhne, 1970 geboren, begann sie nach dem Tod der Mutter ein Buch über die Unsterblichkeit zu verfassen. Es geriet mir in die Hände, als ich am Tag vor meiner Abreise nach einer Reiselektüre suchte, die mich vom Streit im innersten Kreise der Familie ablenken könnte. Familienstreit ist wohl tatsächlich so etwas wie unsere Erbkrankheit, ich denke, dass wir es von beiden Elternteilen übernommen haben. Ich konnte nicht ahnen, in welchem Ausmaß mich das Thema Unsterblichkeit hier in Ravenna überfallen würde. Aber natürlich ganz anders als bei Thea Dorn, die du wahrscheinlich gemocht hättest, mehr als ich, die ich eher am geradlienigen, unprätentiösen Narrativ festhänge, gerade und vor allem dann, wenn es um irrsinnige Dinge geht.

https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/Knaus/e446553.rhd

Hier, wo sich das Lebensgefühl bereits nach wenigen Tagen ändert, stellt sich die Frage nach der Unsterblichkeit auf andere Weise als im mürrischen Einerlei des Berliner Winters. So sehr gern hätte ich dir hier dabei zugeschaut, wie du ein Glas von einem sehr guten Roten trinkst. Gleich neben meinem Hotel gibt es so ein Lokal, dort sitzen die Leute und diskutieren über die Tische hinweg und sogar so eine zurückgezogene und ein wenig verklemmte Seele wie meine fühlt sich dort am Ecktisch so geborgen, dass sich das äußere Fell entspannt und die Muskeln hinter den Ohren locker werden. Hätte es dir gefallen? Nachdem ich jetzt deinen Heimatort kennengelernt habe, verstehe ich etwas besser, warum du immer wieder über die Alpen gefahren bist, ein wenig auch, warum du es mit dem Zug oder mit dem Bus getan hast. Man nähert sich langsam und schält sich nach und nach aus der osteuropäisch nördlich geprägten Verkalkung. Hier stehen die hohen Nadelbäume im sanften Seewind, der Regen nähert sich wie ein Freund und riecht ein wenig nach Fisch. Das Zitroneneis, das du so geliebt hat ist, ist ein Traum. Vor den kleinen Geschäften warten Berge von Orangen. In den Weihnachtsbäumen hocken lebendige Vögel zwischen den irgendwie ganz anders gefärbten Kugeln. Man sieht Wildgänse. Sie ziehen in kleinen Gruppen über die Felder.

Ravenna ist ein Ort, der mir sehr gefällt. Unabhängig von den Zeugnissen der spätantiken Machtentfaltung, um derentwillen ich eigentlich hier bin, zieht mich der Alltag der mittelgroßen italienische Stadt so sehr an, dass ich mir vorstellen könnte, hier zu leben. Ich muss mich konzentrieren, um nicht zu vergessen, wie es sich angefühlt hat, als ich das damals in Lecco wirklich versucht habe. Man braucht dazu Wohlstand und eine große, sichere Familie. Die Leute hier wirken, als ob das hätten. Sogar diejenigen, die deutlich sichtbar von sehr weit herkommen, sehen so aus. Auch wenn ich mir sage, dass das nicht sein kann, wirken sie viel aufgehobener als ich selbst. Aber ich glaube, dass dies hier der richtige Ort gewesen wäre, um stundenlang miteinander zu sprechen. Mit dem Blick durch das regenbeschlagene Fenster auf das Straßenpflaster, das hier seit mehreren tausend Jahren an derselben Stelle herumliegt.

Die Zeit, um die es hier geht, ist eine Phase dramatischer Brüche. Anders als du, der du dem Kommunismus treu geblieben bist, hat mich am frühen Christentum stets ein Zweig der Häresien fasziniert, der hier in Ravenna zumindest zum Teil eine Manifestation gefunden hat. Die Ostgoten waren Arianer. Christus als Teil der Schöpfung war ihnen offensichtlich verständlicher als das Mysterium der wahrhaftigen Dreieinigkeit. Hieran glaubten später auch Bogomilen und Katharer. Nach der Eroberung der Stadt durch die Byzantiner erfolgte die übliche Auslöschung der Erinnerungsanker an das nicht willkommene Denken. Bereits vor diesem Ereignis zeigt sich in den atemberaubenden Mosaiken, welcher Stellenwert dem Kampf um die reine Lehre zukam. Ein wenig erinnert das an die selbstzerfleischenden Flügelkämpfe der Linken. Da gibt es eine Darstellung von Bücherverbrennung im Kampf um die Rechtmäßigkeit der Lehre. Im sogenannten Mausoleum der Galla Placida wirft der heilige Laurentius ein aufgeschlagenes Buch ins Feuer. Neben diesem Verbrennungsrost für falsche Texte (der gleichzeitig das Symbol für sein Martyrium ist) befindet sich ein Bücherschrein, in welchem die nunmehr kanonischen Bücher des Neuen Testaments versammelt sind. Diese Mosaiken bestehen aus natürlichen Edelsteinen und vergoldetem Glas. Ihre Haltbarkeit ist annähernd ewig. Mit offenem Mund staunt man das an, vor allem, wenn man wie ich die Backsteinkirchen Brandenburgs durchwandert hat und sehr wohl vor Augen hat, wie relativ die Ewigkeit eines Bauwerks ist. Zunächst glaubt man, irrtümlicherweise einen Blick auf einen Ausschnitt des Paradieses geworfen zu haben. Die gänzlich andere Symbolwelt dieser Verherrlichung des Guten Hirten überfällt den Betrachter/die Betrachterin und löst das Vorwissen auf. Keine Maria, kein Jesuskind, keine Lebenslegenden des Herrn. Statt dessen die Machtsymbolik der Spätantike in den christlichen Kontext übertragen, sofern das überhaupt irgendwie christlich ist.

Man weiß natürlich keinen einzigen Namen der Künstler oder auch nur der Baumeister. Bekannt sind die Auftraggeber und deren Interessen sprechen aus dem Bildprogramm. Dennoch erschüttert es mich, dass die Bücherverbrennung hier Eingang in den Zyklus der Verherrlichung gefunden hat. Ein einziger Gott und ein einziger Kaiser waren gleichgeordnete Elemente der Verkündigung. In Ravenna wird sichtbar, wie viel Aufwand nötig war, um dieses Weltverständnis der Ewigkeit einzuschreiben und es über die Unvergänglichkeit zur Unsterblichkeit zu erheben. Ohne die Präsenz einer arianischen Stadtgemeinde wäre das alles sinnlos gewesen. Wenn man es konsequent zu Ende denkt, dann ist das Mosaik der Bücherverbrennung in erster Linie ein Erinnerungsmonument für die verbannten apokryphen Bücher. Wird es eines Tages soweit kommen, dass man unser monströses Berliner Stadtschloss als indirektes Monument des gescheiterten Staatssozialismus interpretiert?

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Steine schweigen

Lodz im Dezember 2017

Gestern war ich in Lodz. Es regnete, zwischendurch sogar Schnee. Ich habe die Geburtsstadt meines Vaters besucht, aber ohne meinen Vater. Dazu hat es zu lange gedauert, bis ich mich aufraffen konnte. Solltest du, mein Vater, noch irgendwo in der Nähe sein, frage ich mich, ob du vielleicht sogar diesen Ort deiner Kindheit und Schulzeit ausgewählt hast, um noch ein wenig in der Nähe der lebendigen Menschen zu verweilen. Oder hast du dich dort möglicherweise sogar mit anderen Einwohnern dieser Stadt getroffen, die vielleicht schon seit mehreren Jahrzehnten dort auf dich warteten, irgendwo über diesen Dächern, aus deren Schornsteinen noch immer derselbe gelbliche Schwefeldreck auf-steigt, wie zu Zeiten meiner Kindheit und erst recht damals, in den letzten Jahren vor dem Krieg?

Wie hat die Stadt in diesen Jahren ausgeschaut? Sie war eine Industriestadt, die Fabriken ziehen sich wie eine grundlegende Struktur als Knotenpunkte durch das Netzwerk aus Hinterhöfen und Straßen. Ich verstehe, warum du den Ausdruck „Mietskaserne“ stets in so einer ganz speziellen Bedeutung gebraucht hast. Das ist anders als in Berlin. Wir haben auch eine Mischung aus Werkstätten, Ställen, Hinterhäusern und alten Bier- und Ballsälen, alles dicht zusammengeschoben. Aber nicht so, wie in Lodz. Dort war das ge-meinsame Errichten von Produktionsstätte und mehrstöckiger Wohnbaracke offen-sichtlich der Regelfall. Es gibt dazwischen kaum etwas anderes. Mir sind keine Schulen aufgefallen, aber vielleicht sind sie einfach verschwunden. Es wirkt deutlich, wie „The World without us“. Prächtige Fabrikantenvillen stehen leer. Der Verfall frisst Löcher in die Bebauung. Versuche, das alles umzuwidmen, machen eher Angst, denn man sieht, wie langsam das geht und wie schnell der Rest links und rechts auseinander bricht. Selbst dort, wo man glaubt, im Zentrum zu sein, entsteht ein Gefühl von aus der Zeit gefallener Tristesse: Die Geschäfte wirken wie Filmkulissen, die Menschen fahren schweigend mit ihrer uralten Straßenbahn. Da es fast keine Bäume gibt, fehlen die Vögel.

Und damals? Wer war damals auf diesen Straßen unterwegs? Du hast mir von Fuß-ballspielen erzählt, polnische Jungs und deutsche Jungs in einer Mannschaft, Straße gegen Straße. Ich habe überhaupt keine Kinder gesehen, keine Spielplätze, keinen Bolz-platz. Du hast erzählt, dass die Deutschen die Straße gesperrt haben, um die polnischen Jugendlichen einzufangen und zur Zwangsarbeit zu deportieren. Wenn ich das von deinem Geburtsdatum an nachrechne, müsste etwa zu diesem Zeitpunkt das Ghetto entstanden sein. Deine Stadt hieß nicht mehr Lodz, sondern Litzmannstadt, nach einem preußischen General, der sich als Wahlkampfredner Hitlers einen Namen gemacht hatte. Wie haben deine Eltern über diese Dinge gesprochen? Wie haben sie diesen Wechsel verkraftet, der sie letztendlich um ihre Existenzgrundlage brachte und die Welt zer-störte, in der sie sich zwischen polnischen, jüdischen und deutschen Nachbarn nicht ganz orthodox, aber doch einigermaßen erfolgreich eingerichtet hatten?

Ich habe nie erfahren, wo das Mietshaus stand, das deine Eltern besessen haben. Mir wird übel vor Scham, wenn ich mir bewusst mache, wie wenig ich gefragt habe. Wie groß war die Fabrik, in der mein Urgroßvater als Hauptbuchhalter tätig war? Waren die Mieter meiner Großeltern Arbeiter in derselben Fabrik? Wie hieß der jüdische Besitzer, der mit meinem Großvater nach Krakow in die Oper fuhr? Wie verlief das Gespräch zwischen deinen Eltern, nachdem sich mein Großvater bereit erklärt hatte, die Kinder seines Chefs illegal über die Grenze zu bringen und so zu ihrer Flucht nach Israel beitrug? Und warum entschloss sich der Vater dieser Jugendlichen mit seiner Frau ins Ghetto zu gehen, obwohl sie doch ahnten, welche Zukunft ihnen dort bevorstand?

Vor einigen Wochen hat Alexander Gauland gefordert, wir sollten unter unsere Nazi-vergangenheit einen Schlussstrich ziehen und wieder den Stolz auf die deutschen Soldaten in den Weltkriegen zulassen. Meine Reise nach Lodz fiel mit dem Parteitag der AFD zusammen und es gab dementsprechend eine relativ hohe Dichte in der Bericht-erstattung über die Äußerungen der Rechten. Gestern, als ich das alles in den Nach-richten hörte, war ich im Ghetto. Ich wollte dort über die Straßen gehen, das ist meine Art der Bitte um Vergebung, nicht für die Täter, aber für uns, die Nachkommen. Man kann das Ghetto auf der Karte finden, die Namen der Straßen sind etwa gleich. Bis auf ganz wenige Häuser ist nichts mehr da. Das, was an die Schuld erinnert, ist verbrannt. Im Zentrum der Stadt gibt es eine große Gedenktafel für die Synagoge, die zunächst angezündet wurde und später komplett abgetragen. Im Ghetto selbst stehen heute überwiegend Nachkriegshäuser. Ich habe keine Erinnerungsanker gefunden.

Mitten drin steht ein Gebäude, dass wahrscheinlich eine Schule war. Zu Beginn organi-sierte die jüdische Selbstverwaltung den Schulunterricht für die Kinder. Dann wurden 1941 die jüdischen Einwohner aus Wien und Prag nach Lodz verschleppt. Die Schulen wurden geschlossen, dort mussten die Neuankömmlinge unterkommen. Im September 1942 mussten die Familien alle Kinder unter zehn zur Deportation freigeben. Eltern, die sich weigerten, wurden erschossen. Ich denke an Willy Brandt und seinen Kniefall. Es gibt nichts, was man dazu sagen kann. Der Kniefall ist die einzige akzeptable Geste, aber es ist nun einmal nicht mehr als ein Zeichen.

Stolz auf die deutschen Soldaten im Krieg? Wenn ich so etwas höre, bringt es mich um den Schlaf. Ich sehe meine Enkel und deine Urenkel und mir stehen die Haare zu Berge. Ich bin stolz auf meinen Großvater, der offensichtlich den Mut aufbrachte, mit seinem eigenen Kopf zu denken. Ich bin stolz auf jeden Deserteur, der in meinen Augen ein Held ist. Ich bin stolz auf dich, denn von dir habe ich gelernt, Sinn von Unsinn zu unterschei-den. Ich bin stolz auf meine Tochter, die tapfer ihren zivilen Alltag lebt und Offenheit und Meinungsvielfalt praktiziert. Ich bewundere den Vater meiner russischen Freundin, der mit einem Lastkraftwagen über den vereisten Ladogasee fuhr und wie durch ein Wunder den Beschuss durch die Deutschen überlebt hat. Stolz auf die deutschen Soldaten? Ich möchte diejenigen, die so etwas von sich geben, gerne zu einem Besuch nach Polen einladen. Es ist fast egal, wohin sie fahren, sie werden nicht erfolgreich sein, wenn sie Dinge suchen, die irgendeine Form von Stolz auf unsere Armee im Weltkrieg rechtfertigen.

Der Zug, in dem ich sitze, nähert sich der deutschen Grenze. Anders als früher, gibt es wieder Passkontrollen, zur Vermeidung der illegalen Immigration. Als DDR-Flüchtling machen mir Passkontrollen bis heute Unbehagen. Ich denke an deinen Vater/meinen Großvater. Wie hat er das damals gemacht, als er mit den jüdischen Jugendlichen quer durch Europa gereist ist? Hatten sie gefälschte Pässe? Du hast erzählt, dass er behaup-tete, mit seinen eigenen Kindern unterwegs zu sein. Hat er das nur einmal gemacht? Hat er es wiederholt? Hatte er Angst davor, entdeckt zu werden? Hat er Routine entwickelt? Du hast mehrfach davon gesprochen, dass man den „Ostjuden“ mit bloßem Auge erkennt. Ich habe deshalb einige Male nicht mehr mit dir geredet. Jetzt verstehe ich besser, was du gemeint hast. Hier im Zug kontrollieren sie nur solche Menschen, die offensichtlich weder deutsche, noch slawische Urgroßeltern haben. Mensch ist keines-wegs gleich Mensch. Und welchen Einfluss habe ich darauf, dass meine Großväter beide in der Okkupationsarmee waren? Ist das der Grund, warum ich meinen Pass nicht her-zeigen muss, während der indische Arzt neben mir in eine längere Diskussion einge-wickelt wird? Was hat dein Vater in dieser Situation gemacht? Und wie ist er später in das Alltagsleben zurückgekehrt, zu den Einkäufen, Familienfesten, Elternversamm-lungen in der Schule? Am Ende musste er doch in den verhassten Krieg, und er ist aus irgendeiner, nicht bekannten Schlacht nicht zurückgekommen.

Die Schule habe ich mir gestern noch angesehen. Nach den Bildern im Netz habe ich ein martialisches, Gewalt ausstrahlendes Gebäude erwartet. Das deutsche Gymnasium in Lodz befand sich ganz im Gegenteil in einem wunderbaren Jugendstilbau, mit einer nahezu perfekten Fassade. Über der Eingangstür hockt eine Eule, fast wie bei Harry Potter. Steinerne Bienen begrüßen die Kinder, man erkennt von außen, dass es sehr hell war. Jetzt ist dort gar nichts mehr. Das Haus ist vernagelt und verfällt. Das ist das Endresultat der großen Kriege: Vernichtung von Bildung, Vernichtung von Ressourcen, Zerstörung von Einbettung und Diffusion.

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Keine Perlen für die Armen

Vor einigen Tagen war ich in Hamburg. Es hat mir gut gefallen.

Ich habe gelesen, dass Hamburg einer der wichtigsten Umschlagplätze für den Waffen-handel im 30jährigen Krieg war. Ich wollte es einmal selbst besuchen, auch wenn mit klar ist, dass nach dem Feuersturm von 1943 nichts mehr erhalten ist und dass der Spaziergang durch eine Kulisse führt, die eher durch Neubau entstanden ist als durch die Abnutzung im Laufe der Geschichte.

Das heutige Hamburg ist eine schöne Stadt. Wer aus unserem räudigen Berlin kommt, ist davon beeindruckt, wie selbstbewusst und gut gelaunt die Menschenströme durch die Straßen fließen. Das Wasser glänzt, der Wind riecht nach dem Meer. Der Buchladen hält mich mit gefährlichen Regalen und breiten Sesseln mehr als ein Stunde fest. In irgend-einem Geschäft bleibt man in einem Dialog hängen und das indische Restaurant bereitet für späte, nächtliche Gäste einen speziellen Palak Paneer zu, an den ich noch lange den-ken werde. Ich durfte mit dem Besitzer und seinem Sohn zusammen essen. Es war ein echtes Geschenk. Anders als in Berlin, weicht man nicht dem Blick aus und fürchtet sich nicht, Kontakt aufzunehmen, als hätte man in Hamburg weniger Angst vor allem.

Aber auch in Hamburg regieren die Dinge, oder gerade in Hamburg, vielleicht gerade dadurch, dass sie scheinbar im Übermaß zur Verfügung stehen. Selbst die bunten Bezir-ke, in denen die Menschen aus der ganzen Welt kommen, wirken weniger abgehärmt als unser Wedding. Hamburg ist reich. Ich bin nicht bettelarm, aber mit Sicherheit nicht wohlhabend im Sinne einer bürgerlichen Existenz. In Berlin kommt man damit durch. In Hamburg führt es dazu, dass es nach dem Theaterbesuch schwierig wird, ein Taxi zu finden. Meine schwarze Kutte und mein schwarzer Rucksack haben schon einiges erlebt. Die Fahrer nähern sich, bremsen ab. Kurz bevor sie stehen bleiben, wird wieder be-schleunigt. Das ist zweimal passiert und ich hätte auf diese Erfahrung auch gern verzichtet.

Inzwischen gibt es dieses Tendenz natürlich auch in Berlin, auch wenn es mich immer  sehr befremdet und ich manchmal glaube, dass ich als Eingeborene ein Recht darauf habe, dass die Stadt, die ich kenne, speziell für mich wieder aufersteht. Es gibt in Mitte ein Perlengeschäft, dass bereits in den Neunzigern wunderbaren Kitsch im Angebot hatte und eine Quelle vielfacher Freude war. Es gehörte zu meinem Berlin. Vor einigen Tagen war ich mit meinem Enkelsohn dort, um Perlen für ein Weihnachtsgeschenk für Mama/Tochter zu kaufen. Wir wollten ihr etwas Einmaliges schenken, etwas, dass es auf keiner Website gibt. Ein Exemplar der Dinge, das mehr als ein Ding ist.

Vielleicht hatten wir an diesem speziellen Tag ganz einfach kein Glück. Hinter dem Tre-sen bastelte eine rosa gefärbte Porzellanjungfrau an einem Ohrring, aber eigentlich folg-te sie uns mit den Augen einer misstrauischen Elster und registrierte jede Bewegung. Sie hätte das einfacher haben können, wenn sie uns beraten hätte. Aber das fiel ihr nicht ein. Ihre Welt der Dinge und unsere passten nicht zusammen. Auch wenn wir ganz offensichtlich Kunden waren, die gerade einen größeren Einkauf  tätigten, wurde sie keineswegs freundlicher. Schließlich riss ihr die Geduld und sie erwähnte sie die Preise: „Die stehen über den Perlen, falls sie es nicht gesehen haben.“

Ich muss ehrlich sagen, dass ich zu feige war, einen großen Auftritt hinzulegen. Schuld daran war Luki, dein Urenkel, den du so sehr mochtest. Es hatte eine Weile gedauert, bis er sich auf das Perlenwunder einlassen konnte. Zu Hause bei Papa spielt er vor allem mit Messern. Ich wollte ihn nicht vorzeitig wieder aus der Märchenwelt herauswerfen. Sonst hätte ich nichts gekauft. Ich hätte ihr den vollen Korb auf den Ladentisch geknallt und die Tür zugeschmissen. In meiner Straße gibt es einen Videoladen. Dort wird der abgeris-sene Mann von der Straße mit dem gleichen Respekt bedient wie die gutgekleidete Be-sucherin. Charakterisieren die Dinge einen Menschen? Gibt es da eine Ordnung mit festen Plätzen von der Unterwelt bis zum siebenten Himmel? Wir sprechen doch keineswegs, von Gegenständen mit einer persönlichen Geschichte. Wir sprechen auch nicht von einer Art besonderer Kreativität. Wir sprechen von Konsum und Kaufkraft. Sind das Signaturen für unseren Platz im Universum?

Frank Trentmann hat ein umfangreiches Buch über die Geschichte des Konsums geschrieben. Gerade ist es erschienen.

https://www.randomhouse.de/Buch/Herrschaft-der-Dinge/Frank-Trentmann/DVA-Sachbuch/e226116.rhd

http://www.deutschlandfunkkultur.de/frank-trentmann-herrschaft-der-dinge-konsum-als-triebfeder.1270.de.html?dram:article_id=389297

Es ist ein Buch über die Beziehungen zwischen den Menschen und ihren Dingen. Es ist keine Geschichte der Erschaffung der Dinge oder der Wanderung von Gegenständen oder der symbolischen Aufladung von eigentlich trivialen Objekten – es ist die Ge-schichte von Konsumobjekten und Konsumenten. Das, was wir erlebt haben, der soge-nannte Sozialismus, erhält in diesem Kontext selbstverständlich die Markierung des Defizits, der Unzulänglichkeit. Das entsprechende Kapitel wirkt durch seine holz-schnitthafte Gestaltung wie ein Fremdkörper in dem sonst ausgesprochen gescheiten Buch. Wie in jeder anderen Trivialerzählung vom „Zusammenbruch des Kommunismus“ wird die Abwesenheit von Selbstbestimmung durch Konsum mit einer Genauigkeit beschrieben wie eine Krankheit, vor der wir uns glücklicherweise nicht mehr fürchten müssen. Die Pest gilt gegenwärtig als überwunden (was möglicherweise auch nicht mehr als eine trügerische Hoffnung ist). Was aber wird passieren, wenn es mit den Ressourcen vorbei ist?

Ist die Kraft, zu konsumieren, tatsächlich ein Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaftsordnung? Gibt es irgendeine Form von Kreativität, die sich im Konsumieren äußert? War es das, was uns gefehlt hat, weshalb wir das Ganze abgelehnt haben bis zum Abscheu? Hätte der Prager Frühling daran wirklich etwas geändert? Ich habe keine Ahnung. Ich war jung, und habe natürlich darunter gelitten, dass es so viele Dinge nicht gab. Ich habe in Ungarn Pfirsiche gefressen, dass es nicht mehr anständig war. Ich habe in Bulgarien auf einem Melonenfeld geschlafen und gedacht, ich wäre im Himmel. Ich habe in Polen kiloweise Holzketten angeschafft, für vier weitere Hippieleben im Osten. Aber war das wirklich Leiden?

Es gibt in meiner Erinnerung ein Paradox. Als ich 1985 endlich im Westen angekommen war, gab es einen Winter lang Mäntel aus rosarotem Plüsch. Als der Winter anfing, trugen einige Frauen solche Mäntel. Dann kam der Schlussverkauf. Plötzlich saßen in einem einzigen U-Bahnwagen acht sehr unterschiedliche Personen – alle mit dem gleichen Mantel. Gleich drei meiner Freundinnen kauften sich einen rosaroten Plüschpelz. Ich hatte Rosinen im Kopf. Ich dachte, wenn ich den Westen erreiche, wo es alles gibt, möchte ich einen Anzug aus grünem Samt. Keine Chance. So etwas gab es in keinem Katalog. Das hätte man wie im Osten selber machen müssen. Und das wäre lächerlich gewesen. In der freien Welt habe ich lieber in der Bibliothek gesessen und all die Bücher gelesen, die es vorher nicht gab. Für den grünen Samtanzug war ich ganz einfach zu arm. Exzentrische Wünsche sind ein Privileg des Wohlstands.